Leichtathletik Schneller als die Schildkröten-Armee

Genzebe Dibaba weckt mit ihrem 1500-Meter-Weltrekord Unbehagen und Zweifel in der Szene. Die Äthiopierin ist mit einer unglaublichen Naivität in einen vermint geglaubten Bereich vorgedrungen.

Von Joachim Mölter, Monte Carlo/München

Drei - fünfzig - nullneun - das waren die Zahlen, die am Wochenende die Welt der Leichtathletik bewegt haben. Oder in Ziffern ausgedrückt, so wie sie auch im Stade Louis II von Monte Carlo auf der Anzeigetafel aufleuchteten, nebst dem Zusatz WR für Weltrekord: 3:50,09. So schnell war die Äthiopierin Genzebe Dibaba, 24, am Freitagabend beim Diamond-League-Meeting die 1500-Meter-Strecke gerannt, schneller als je eine Frau vor ihr. "Ich glaube, Tirunesh wird glücklich sein", sagte Genzebe Dibaba hernach in Anspielung auf ihre ältere Schwester, die fünfmalige Weltmeisterin und dreimalige Olympiasiegerin, die gerade eine Babypause einlegt. "Ganz Äthiopien wird glücklich sein", fügte sie noch hinzu.

Ein Großteil der Leichtathletik-Welt ist allerdings höchst unglücklich über diese Zeit. Selbst die Zuschauer im Stade Louis II schienen nur verhalten begeistert zu sein über das, was sie gerade miterlebt hatten. Die Amerikanerin Chanelle Price, immerhin Hallen-Weltmeisterin über 800 Meter, hatte als Tempomacherin die 400-Meter-Marke in 1:00,31 Minuten passiert und die 800 Meter nach 2:04,52; anschließend lief Genzebe Dibaba allein vorneweg, die dritte Runde (1:00,10) legte sie dabei schneller zurück als die erste, und für die letzten 400 Meter benötigte sie gar nur 59,8 Sekunden. Während hinter ihr die Läuferinnen, die mit Kontinantal- oder Landesrekorden oder persönlichen Bestleistungen ins Ziel kamen, erst mal zu Boden gingen und nach Atem rangen, trippelte Genzebe Dibaba lächelnd herum, so mühelos, wie sie die dreidreivierten Runden zuvor gerannt war.

Mühelos am Ziel: Genzebe Dibaba aus Äthiopien ist nach ihrem 1500-Meter-Weltrekord noch erstaunlich frisch und munter.

(Foto: Claude Paris/AP)

Diese Leichtigkeit des Laufes schürten das Unbehagen, das Genzebe Dibaba Anfang Juli geweckt hatte, als sie in Barcelona 3:54,11 Minuten gerannt war, so schnell wie seit 1997 keine Frau mehr. Die 3:50,46 Minuten, mit denen die Chinesin Yunxia Qu seit 1993 in der Weltrekordliste stand, galten freilich weiter als unerreichbar, als jenseits von Gut und diesseits von Böse. Wie fast alle Höchstleistungen auf den Laufstrecken der Frauen stammt diese Marke aus der Zeit, die man in Leichtathletik-Kreisen als Ära des Hochdopings bezeichnet, des unkontrollierten Gebrauchs leistungssteigernder Mittel. Qu gehörte damals zur Gruppe des Trainers Ma Junren, die 1993 auf den Laufbahnen auftauchte, WM-Titel auf Mittel- und Langstrecken einheimste und die dazugehörigen Weltrekorde in Grund und Boden stampfte. "Mas Armee", wie die Läuferinnen wegen ihres monotonen Gleichschritts genannt wurden, begleitete stets ein Doping-Verdacht; der Trainer versicherte, er habe die zuvor unbekannten Bauernmädchen lediglich mit hartem Training sowie Schildkrötenblut flott gemacht. Als sechs seiner Athletinnen vor den Spielen 2000 in Sydney wegen verdächtiger Bluttests aus Chinas Olympia-Team flogen, war der Spuk vorbei. Und die beiden Frauen, die sich nach der Jahrtausendwende den Zeiten der Chinesinnen annäherten, wurden wenig später des Dopings überführt.

Das also ist das verminte Gebiet, in das Genzebe Dibaba mit einer unglaublichen Naivität vorgedrungen ist. "Ich weiß nichts über die Geschichte des Rekordes und die Vergangenheit der chinesischen Läuferinnen", sagte sie am Freitag unschuldig: "Ich will meine eigene Geschichte schreiben."

Und die geht so: Sowieso mit reichlich Talent ausgestattet, wie es die Erfolge ihrer älteren Schwestern Ejegayehu (Olympiazweite von 2004 über 10 000 Meter) und Tirunesh (unter anderem Goldgewinnerin über 5000 und 10 000 Meter von 2008) belegen, führte die 24-Jährige ihre Steigerung darauf zurück, dass sie vor dieser Saison mit ihrem Coach Jama Aden das Training umgestellt habe. "Wir haben die Intensität erhöht, mehr an der Tempoausdauer gearbeitet", erzählte Dibaba, die im Winter 2014 mit Hallen-Weltrekorden über 1500, 3000 und 5000 Meter erstmals aufgefallen war. Zudem trainiere sie fast nur noch mit Männern wie dem Hallen-Weltmeister Ayanleh Souleiman aus Dschibuti; es gebe ja kaum noch eine Frau, die sie fordern könne. "Diese Umstellungen haben sich ausgezahlt", resümierte sie: "Ich glaube, ich kann jetzt schneller rennen als ich es mir selbst je vorgestellt habe."

Vor der Zeitenwende

Die 15 besten 1500-Meter-Läuferinnen:

3:50,07: Genzebe Dibaba (Äthiopien) 17.07.2015

3:50,46: Yunxia Qu (China) 11.09.1993

3:50,98: Bo Jiang (China) 18.10.1997

3:51,34: Yinglai Lang (China) 18.10.1997

3:51,92: Junxia Wang (China) 11.09.1993

3:52,47: Tatjana Kasankina (UdSSR) 13.08.1980

3:53,91: Lili Yin (China) 18.10.1997

3:53,96: Paula Ivan (Rumänien) 01.10.1988

3:53,97: Lixin Lan (China) 18.10.1997

3:54,11: Genzebe Dibaba 08.07.2015

3:54,23: Olga Dvirna (UdSSR) 27.07.1982

3:54,52: Ling Zhang (China) 18.10.1997

3:55,0: Tatjana Kasankina 06.07.1980

3:55,01: Lixin Lan 17.10.1997

3:55,07: Yanmei Dong (China) 18.10.199

3:55,30: Hassiba Boulmerka (Alger.) 08.08.1992

3:55,33: Süreyya Ayhan (Türkei) * 05.09.2003

3:55,68: Julia Fomenko (Russland) ** 08.07.2006

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* 2004 wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt, 2007 dann lebenslang wegen eines neuerlichen Vergehens.

** 2008 wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt.

Über 5000 Meter hat sie sich unlängst in Paris auf 14:15,41 Minuten verbessert, damit fehlen ihr nur noch 4,26 Sekunden zur Höchstmarke ihrer Schwester Tirunesh. "Ich habe schon so lange von einem Freiluft-Weltrekord geträumt", sagte sie in Monte Carlo, "jetzt will ich sie alle - über 1500 Meter, über 5000 Meter, sogar den über 800 Meter."

Damit betritt sie ein weiteres schwer vermintes Gelände, denn die 800-Meter-Zeit von Jarmila Kratochvilova (Tschechoslowakei) ist sogar schon seit 32 Jahren unerreicht. Die 1:53,28 Minuten sind der älteste noch bestehende Weltrekord in der Leichtathletik. Dass sich jemand so offensiv an ihn heranwagt wie nun Dibaba, ist ein alarmierendes Signal. Dass sie bei Dopingtests noch nie auffällig geworden ist, muss ja auch nichts heißen. Die amerikanische Sprinterin Marion Jones verwies jahrelang auf 160 negative Dopingproben, ehe sie dann doch zugeben musste, jahrelang gedopt gewesen zu sein.