Leichtathletik Meister suchen Meisterschaften

Komplizierte Programme, hohes Kostenrisiko und mit dabei sind nicht mal Spitzensportler: Die Leichtathletik findet immer weniger Klubs, um die wenig mitreißenden Mehrkampf-Meisterschaften auszurichten.

Von Johannes Knuth und Alexander Mühlbach

Die deutschen Mehrkämpfer wissen gerade nicht so recht weiter. Im vergangenen Jahr hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) mit den deutschen Mehrkampfmeisterschaften seinen Saisonhöhepunkt gestrichen, mit der Begründung, keinen geeigneten Ausrichter gefunden zu haben. Die Mehrkämpfer behaupteten allerdings, dass sich der Verband nicht genug um einen geeigneten Ausrichter bemüht hätte. Weswegen sich die Athleten in sozialen Netzwerken wie Facebook zusammenschlossen, eine Petition gegen den Ausfall des Wettkampfs starteten und ein Ersatz-Meeting organisierten. Zusätzlich kritisierten sie die Entscheidung des Verbands, wo immer es ging. Geändert hat sich seitdem: nichts.

Eine Woche vor Weihnachten verschickte Claus Marek, der leitende Bundestrainer im Zehn- und Siebenkampf, eine E-Mail, in der er erklärt, dass auch die Ausrichtung der nationalen Titelkämpfe 2016 mangels Bewerber gefährdet sei. Später sagte er: "Die Lage ist sehr dramatisch." Vor Jahren noch, führte er aus, wollte jeder Landesverband die Mehrkämpfer haben. Jetzt will sie niemand wirklich. Die zähe Vergabe erzählt einiges über die Probleme der olympischen Kern-Disziplin.

Der DLV steckt in einem Dilemma. In seiner Satzung ist vorgesehen, die Meisterschaften "nach Maßgabe der Leichtathletikordnung durchzuführen". Damit steht der Verband in der Verantwortung, jedes Jahr in jeder Disziplin für jede Altersklasse einen deutschen Meistertitel zu vergeben. So viele Ausrichter sind aber schwer aufzutreiben, nicht nur für die Mehrkämpfer. Die Senioren warten ebenfalls noch darauf zu erfahren, wo sie zu Mehrkampf-Meisterschaften antreten dürfen. Den Läufern fehlt es an einem Gastgeber für ihre Berglaufmeisterschaften. Wo die Titelkämpfe über zehn Kilometer, im Halbmarathon sowie im Marathon stattfinden, wurde erst Ende Januar geklärt.

Auf Anfrage äußert das Veranstaltungsmanagement des DLV, dass auch die restlichen Meisterschaften 2016 auf jeden Fall ausgetragen werden, man müsse nur noch die letzten "finanziellen Details" klären. Das aber ist kniffelig. Vertragsgemäß müssen die Veranstalter für alle Kosten aufkommen, auch das finanzielle Risiko liegt bei ihnen. Fällt ein Gewinn an, gehen 50 Prozent an den DLV. Dessen Präsident Clemens Prokop räumt ein, dass das Prozedere im Verband "sehr heftig" diskutiert werde. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich aktuell mit der Attraktivität der Meisterschaften. "Wir überprüfen auch, ob wir den finanziellen Schlüssel verändern, um der Realität gerecht zu werden", sagt Prokop. Aber ob das reicht?

Die Auflagen sehen vor, dass der Veranstalter vier Stabhochsprung-, vier Weitsprung- und vier Kugelstoßanlagen zur Verfügung stellen muss. Dazu erwartet der DLV ein werbefreies Stadion mit 1000 Zuschauerplätzen, 440 Parkplätzen, sowie 20 Windanzeigen. In ganz Deutschland kommen damit lediglich sechs bis acht Vereine in Frage - womit das Bewerberfeld immer sehr klein ist.

René Stauß, der deutsche Zehnkampfmeister von 2014, sieht noch ein drittes Problem. "Die deutschen Mehrkampfmeisterschaften haben Null-Komma-Null sportlichen Stellenwert", sagt er. Die meisten deutschen WM- und EM-Teilnehmer sind zum Zeitpunkt der Meisterschaften im späten Sommer schon im Urlaub. Das Teilnehmerfeld ist deshalb oft unattraktiv. Das Problem ist auch dem Deutschen Leichtathletik-Verband bewusst. Vielleicht, so Prokop, sollte man die Meisterschaften künftig so platzieren, dass sich die Athleten dort für internationale Wettbewerbe qualifizieren können. "Ziel ist es, dass die besten deutschen Athleten bei den deutschen Meisterschaften starten", sagt er, und weiter: "Für mich hat die Existenz der Meisterschaften große Bedeutung."

Das sehen auch die Athleten so. Für viele junge Sportler waren die nationalen Meisterschaften ein Sprungbrett, sagt der ehemalige Zehnkampf-Meister Stauß. Zudem gehe es darum, allen Athleten einen Saisonhöhepunkt zu bieten - und sie damit langfristig an die Sportart zu binden. "Die Leute, die dort antreten, sind alle künftige Trainerkandidaten", sagt Stauß, "die kennen sich in so vielen Disziplinen aus, dass sie später im Nachwuchstraining eine entscheidende Rolle spielen werden."

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat inzwischen erklärt, dass es zwei potenzielle Ausrichter für die Mehrkampfmeisterschaften 2016 gebe, zu denen der Verband allerdings keine weiteren Angaben machen möchte. Die Verhandlungen, so der DLV, würden noch laufen und voraussichtlich erst Mitte Februar abgeschlossen werden. Trotzdem, sagt Claus Marek, sei das ein gutes Zeichen, "sonst ist die nächste Katastrophe vorgezeichnet."