Leichtathletik Mal schnell aufräumen

Russlands Sportminister Vitaly Mutko verkündet die Berufung des neuen Präsidenten Dimitri Schljachtin.

(Foto: Vasily Maximov/AFP)

Die Leichtathletik gibt sich in der Krise betriebsam: Beim russischen Verband soll ein Krisen-Präsident Probleme lösen, der Weltverband durchleuchtet seine Konten.

Schon der Name ist bezeichnend für den Zustand einer ganzen Sportart in diesen Tagen. "Anti-Krisen-Präsident", so umschreibt der russische Leichtathletik-Verband Araf die Aufgabe von Dimitri Schljachtin, der den Verband zunächst einmal bis nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro durch die Krise führen soll, ehe im September oder Oktober ein langfristiger Chef gewählt werden soll. Auf einer Sondersitzung am Samstag wurde Schljachtin, der zuvor als Präsident des ZSKA Athletik Klubs und dann als Sportminister der Region Samara tätig war, einstimmig gewählt. Seine Wahl war Formsache, zwei weitere Kandidaten hatten bereits vor der Wahl zurückgezogen.

Die Hinweise auf systematisches und gegen Zahlung von Schmiergeldern vertuschtes Doping in der russischen Leichtathletik hatten den Skandal in der olympischen Kerndisziplin, der mit dem zweiten Untersuchungsbericht der Wada-Kommission am Donnerstag in München seine jüngste Wendung nahm, ins Rollen gebracht. Längst ist nicht mehr nur der russische Verband im Fokus der Ermittler, sondern auch der Weltverband IAAF, der das systematische Doping-System abgesichert haben soll. Trotzdem ist der Bedarf für Veränderungen in Russland natürlich besonders groß.

"Wir müssen die Probleme schnell lösen", weiß der Krisen-Präsident

"In dieser schwierigen Zeit für die russische Leichtathletik, ist es meine Aufgabe, den Verband zurück zu internationalen Standards zu führen, um das Vertrauen der IAAF und der Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur, d. Red.) zurückzugewinnen und unseren Athleten damit die Chance zu geben, an internationalen Events teilzunehmen", sagte Schljachtin. "Wir müssen die Probleme schnell lösen." Der Verband Araf war im November von der IAAF vorläufig suspendiert worden und muss für eine Wiederaufnahme zahlreiche Auflagen erfüllen.

Auch der Weltverband scheint weiterhin jedenfalls den Eindruck erwecken zu wollen, zur Aufklärung beizutragen. Der Verband wolle alle seine Konten durchleuchten und dabei vor allem Aufschluss über möglicherweise suspekte Sponsoring- oder Marketingverträge erhalten, sagte der IAAF-Präsident Sebastian Coe dem Sportportal inside the games. Coes Rolle selbst ist höchst umstritten, seine Mitwisserschaft im Doping-Skandal ist naheliegend, seine Bereitschaft zur Aufarbeitung war lange eher zurückhaltend. Deshalb steht Richard Pound, der Leiter des Wada-Ermittlerstabes, für seine Aussage vom Donnerstag in der Kritik, er könne sich für die Aufräumarbeiten "keinen besseren als Lord Coe vorstellen".

Suspekte Vorgänge bei der Vergabe von TV-Rechten erfordern Aufklärung

Nun war im Wada-Report neben dem neuen Vorwurf, die Sommerspiele 2020 seien unter korrupten Umständen an Tokio vergeben worden, auch von suspekten Vorgängen bei der Vergabe von Weltmeisterschaften und TV-Rechten die Rede gewesen. "Der Prozess der Vergabe der TV-Rechte für die Moskauer Weltmeisterschaften und das plötzliche Auftreten der russischen VTB-Bank als Sponsor der IAAF erfordern noch einmal eine genaue und kriminalistische Untersuchung", hieß es im Bericht.

Die Konten werden bereits von der Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft Deloitte und der Frankfurter Wirtschaftskanzlei Freshfields untersucht, heißt es in dem Bericht. "Die Untersuchung, die ich innerhalb der Organisation gerade durchführe, begutachtet alle unsere Sponsoring- und Marketinggeschäfte", sagte Coe. Als Chef der Untersuchungen setzte Coe laut inside the games seinen Vertrauten Paul Deighton ein. Beide hatten schon im OK der Olympischen Spiele 2012 in London eng zusammengearbeitet. Russlands zweitgrößte Bank VTB hatte Vorwürfe, wonach es bei der Vergabe der TV-Rechte für die Moskau-WM 2013 zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei, umgehend scharf zurückgewiesen. "Das ist nichts anderes als Unsinn", ließ man ausrichten.

Prokop: IAAF ist schlimmer als die Fifa

Derweil hat sich Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), für eine Prüfung der Vergabe vieler Großereignisse ausgesprochen - über Tokio hinaus. "Die Vergabe der Leichtathletik-Weltmeisterschaften nach Doha und nach Eugene sollte eine externe Kommission überprüfen und entscheiden, ob eine neue Vergabe notwendig ist", sagte Prokop der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Dies gilt auch für die Vergabe der Olympischen Spiele, wenn es Beweise dafür gibt, dass mittels eines Sponsor-Vertrags mit Diack (Weltverbands-Präsident Lamine Diack, d. Red.) und der IAAF für Stimmen gezahlt wurde. Das IOC wird den Hinweisen sicher nachgehen", glaubt Prokop.

Er sei zudem "überrascht, dass in Russland allein die Leichtathletik im Fokus der Untersuchung steht. Wenn man von einer Systematik des Dopings ausgeht, wenn das Kontrolllabor und wenn die Anti-Doping-Agentur in Russland Doping vertuscht haben, ist nicht vorstellbar, dass dies auf eine einzige Sportart beschränkt war." Insgesamt seien die Enthüllungen in der Leichtathletik, "was die bekannten Fakten angeht, beispiellos im internationalen Sport und übertreffen wohl auch die Fifa, weil hier sogar in den sportlichen Wettkampf eingegriffen wurde."