Leichtathletik In den Himmel geklettert

Der kubanische Weitspringer Juan Miguel Echevarria nähert sich einer Schallmauer. Mit einem Hauch zu viel Wind fliegt er so weit wie seit 27 Jahren keiner mehr.

Von Johannes Knuth, Stockholm/München

23 Schritte, der rechte Fuß knallte aufs Absprungbrett - und dann hatte es für einen Moment den Anschein, als würde der Weitspringer Juan Miguel Echevarria nicht mehr landen. Er kletterte immer weiter in die schwüle Abendluft, es war einer dieser Momente, die an die Schönheit der Leichtathletik erinnern: Nur der Mensch ist das Maß, und manchmal klettert er dabei so lange durch die Luft, als könne er die Schwerkraft überlisten. Echevarria war noch nicht aus der Grube gekrabbelt, als man sich als Betrachter vorkam wie nach einem fiebrigen Tagtraum: War das gerade wirklich passiert?

Echevarria ahnte natürlich sofort, was er gerade angestellt hatte, beim Diamond-League-Meeting in Stockholm. Es gibt ein Bild, das ihn bei der Landung zeigt, Schock und Freude verschmelzen in seinem Gesicht - oder war das etwa dem Umstand geschuldet, dass Echevarria beinahe über die Grube hinaus gesprungen war? Er lief jedenfalls zu seinem Trainer Daniel Osorio; Osorio sprang von der Tribüne auf die Laufbahn, beide hüpften umher wie Schulkinder, die gerade hitzefrei bekommen hatten. 8,83 Meter also, mit 2,1 Metern pro Sekunde Rückenwind zwar, ein Hauch über dem zulässigen Grenzwert von 2,0. Aber das war Echevarria erst mal egal.

Hoch und vor allem weit: Der Kubaner Juan Miguel Echevarria nähert sich in Stockholm der magischen Neun-Meter-Marke.

(Foto: TT News Agency/Reuters)

Am Wochenende waren wieder einige Weltklasse-Taten in der Leichtathletik zu besichtigen. Die 47,02 Sekunden über 400 Meter Hürden von Rai Benjamin zum Beispiel, der bei den amerikanischen Studentenmeisterschaften am Weltrekord des Amerikaners Kevin Young rüttelte (46,78). Oder die 69,67 Meter des jamaikanischen Diskuswerfer Fedrick Dacres in Stockholm (während Robert Harting mit 62,33 Letzter wurde). Und dann war da eine dieser Leistungen, die eine besondere Aura umweht, selbst in Zeiten der Zweifel, weil sie sich von der Monotonie des Alltags abhob: Echevarrias 8,83 Meter wären als weitester Satz seit Mike Powells Weltrekord vor 27 Jahren in die Bestenlisten eingezogen, hätte der Wind den Kubaner nicht einen Hauch zu stark angeschoben.

Echevarria spürte nach seinem Sprung freilich, wie schnell so eine Marke zur Last werden kann. Gut, er hatte im März die Favoriten bei der Hallen-WM überrumpelt und mit 8,46 Metern gewonnen; er hatte zehn Tage vor Stockholm sogar 8,58 geschafft. Aber 8,83? "Ich wusste nicht, dass ich so weit springen kann", sagte er: "Ich denke gerade auch nicht an die neun Meter. Dafür muss ich lange trainieren, das ist eine gewaltige Barriere." Andererseits: Die Leichtathleten haben in den vergangenen Jahren immer mal wieder Duelle erlebt, bei denen sich die Kontrahenten in die Nähe eines Weltrekordes trieben, die Hochspringer etwa. Weltmeister Luvo Manyonga aus Südafrika sprang im vergangenen Jahr 8,65 Meter und sprach danach offen davon, irgendwann die neun Meter zu überwinden. Auch Echevarria gab diese Marke nach seinem Satz in Stockholm als Ziel aus, langfristig. Auch wenn das in etwa so schwer werden dürfte wie eine Besteigung des Mount Everest bei Schneesturm und ohne künstlichen Sauerstoff. Und jetzt?

Powell an der Spitze | Die besten Weitspringer in der Leichtathletik

Weite Wind Athlet Jahr

8,95 (+0,3 m/s) Mike Powell (USA) 1991

8,90 (+2,0 m/s) Bob Beamon (USA) 1968

8,87 (-0,2 m/s) Carl Lewis (USA) 1991

8,86 (+1,9 m/s) Robert Emmijan (UdSSR) 1987

8,74 (+1,4 m/s) Larry Myricks (USA) 1988

8,74 (+2,0 m/s) Erick Walder (USA) 1994

8,74 (-1,2 m/s) Dwight Phillips (USA) 2009

8,73 (+1,2 m/s) Irving Saladino (Panama) 2008

8,71 (+1,9 m/s) Ivan Pedroso (Kuba) 1995

8,66 (+1,6 m/s) Louis Tsatoumas (Griechenland) 2007

Unzulässiger Rückenwind (mehr als 2,0 m/s)

8,99 (+4,4 m/s) Mike Powell 1992

8,91 (+3,9 m/s) Carl Lewis 1991

8,83 (+2,1 m/s) Juan Mig. Echevarria (Kuba) 2018

8,79 (+3,0 m/s) Ivan Pedroso 1992

8,78 (+3,1 m/s) Fabrice Lapierre (Australien) 2010

In alle Tiefen eines Athletenlebens kann man nie eintauchen. Aber nach allem was aktenkundig ist, handelt es sich bei Echevarria um ein riesiges Talent aus dem kleinen Kuba, das Leichtathletik-Großmeister wie Alberto Juantorena, Javier Sotomayor und Dayron Robles hervorgebracht hat. Echevarria wuchs in Camagüeys auf, bekannt für seine historische Altstadt, er wurde entdeckt von einem Mann namens Luis; an den Nachnamen erinnert sich Echevarria nicht mehr. Er geriet früh in das streng getaktete Ausbildungssystem Kubas, war drei Jahre in der nationalen Jugendauswahl, mit 16 Jahren sprang er schon weiter als acht Meter. "Juan ist nicht vom Himmel gefallen. Er ist schnell, leistungsstark, explosiv. Er hat angeborene Qualitäten für diesen Sport", sagte sein Trainer Osorio zuletzt der Zeitung Granma, dem Sprachrohr der kommunistischen Regierungspartei. Dann fügte Osorio eine herrlich verschwurbelte Mahnung an: "Es gibt eine Linie, der er folgen muss. Unsere Aufgabe besteht darin, ihm Erziehung und Werte beizubringen, damit er allen Änderungen in seinem Leben gegenübertreten kann, mögen sie materieller oder geistiger Natur sein."

Das verspricht ein interessantes Feldexperiment. Es gibt für kubanische Athleten ja noch immer Gründe, dem System in der Heimat zu entkommen, aus geistigen, materiellen oder sonstigen Anreizen. Weil Athleten lange bevormundet wurden, der Verband sie von Wettkampf zu Wettkampf hetzte und das Gros des Preisgeldes einstrich (was sich erst in den vergangenen Jahren änderte). Und die Funktionäre, darunter der heutige Vize-Sportchef Alberto Juantorena, fassten Kritik oft als Beleidigung auf. Der Hürdensprinter Orlando Ortega war irgendwann so genervt, dass er sich nach einem Wettkampf in Madrid ins Taxi setzte und nicht mehr ins Teamhotel zurückkehrte. Er startet mittlerweile für Spanien, 2016 gewann er Olympia-Silber.

Die großen Herausforderungen kommen also noch, aber Echevarria und sein Trainer beteuern, dass sie diese gemeinsam meistern werden. "Ich will lange auf diesem Niveau springen", sagte Echevarria in Stockholm, "aber ich werde einen Schritt nach dem anderen tun." Zeit dafür hat er genug. Echevarria wird im August 20 Jahre alt.