Leichtathletik IAAF-Boss Coe rutscht in den Doping-Sumpf

Zweifelhafte Gesellschaft: Sebastian Coes engster Mitarbeiter ist ins Zentrum des Skandals gerückt.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Er ist angetreten, die Leichtathletik in eine saubere Zukunft zu führen. Doch nun wird Sebastian Coe durch eine E-Mail selbst Teil der Doping-Affäre.

Von Johannes Knuth

"Lieber Papa", beginnt die E-Mail vom 19. August 2013, zwei Wochen vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau. Lieber Papa, steht da also, "ich glaube, wir sollten Folgendes tun. Das alles muss strikt geheim bleiben".

Am Montagabend kam dann das, was geheim bleiben sollte, an die Öffentlichkeit. Mit gravierenden Folgen für die ohnehin krisengeschüttelte Welt-Leichtathletik mit ihrem Präsidenten Sebastian Coe.

Coe, Ende August ins höchste Amt seines Sports gerutscht, hatte in den vergangenen Wochen verzweifelt versucht, eine Linie zu ziehen: dort die alte, mutmaßlich hochkorrupte Führung, beaufsichtigt von seinem Vorgänger Lamine Diack und einem kleinen Kreis an Eingeweihten, die in diesen Tagen in Frankreich von der Staatsanwaltschaft vernommen werden. Und hier die neue, saubere Mannschaft, die das Boot aus den stürmischen Gewässern lenken wird, mit Coe auf der Kommandobrücke. Die Leichtathletik war in den vergangenen zwölf Monaten von diversen Enthüllungen erschüttert worden. "Die Berichte waren ein Schock für uns alle", hatte Coe im britischen Fernsehen behauptet, nachdem eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) eine tiefwurzelnde Betrugskultur in Russland freigelegt hatte, toleriert von Staat und Leichtathletik-Weltverband IAAF. Aber das Narrativ vom guten Coe und den bösen Schurken wirkte nie wirklich glaubhaft, Coe und seine Mitstreiter waren ja jahrelang mitgesegelt auf dem IAAF-Dampfer. Seit Montagabend ist diese Grenze zwischen der alten und neuen Administration endgültig aufgeweicht.

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Die E-Mail vom 19. August 2013, veröffentlicht von der französischen Zeitung Le Monde und dem britischen Sender BBC, malt die Konturen des Betrugs innerhalb der IAAF so deutlich aus wie selten zuvor. Nick Davies hat die E-Mail verschickt; sie legt nahe, dass er seit mindestens 2013 von Missständen in der IAAF wusste und überlegte, wie man sie verschleiern könnte. Davies war damals Pressechef der IAAF; als Coe nun zum Präsidenten gewählt wurde, machte er Davies zu seinem Büroleiter.

Papa Massata, der Empfänger der E-Mail, ist Lamine Diacks Sohn, er arbeitete im Auftrag der IAAF. Seine Agentur trieb Sponsoren auf, das war zumindest das Geschäftsmodell, das damals der Öffentlichkeit bekannt war. Mittlerweile wird er verdächtigt, im Auftrag seines Vaters beim russischen Verband Geld eingetrieben zu haben. Im Gegenzug soll das Anti-Doping-Ressort der IAAF Dopingfälle verschleppt haben. Diack senior, dessen Anwalt sowie Gabriel Dollé, ehemaliger Chef jenes Anti-Doping-Ressorts, werden in diesen Tagen von der Staatsanwaltschaft in Frankreich verhört. Am Dienstag wurde bekannt, dass gegen Diack nicht nur wegen passiver, sondern wegen "aktiver Korruption" ermittelt werde, auch, weil er Geld im Gegenzug für Regelverstöße angeboten haben soll.