Für die US-Sportler ist Jesse Owens, der 1936 in Berlin die Ideologie der Nazis widerlegte, ein Vorbild. Sie zeigen damit mehr historisches Bewusstsein als die Deutschen.
Stephanie Brown Trafton ist eine stattliche Person, 1,93 Meter groß, 100 Kilo schwer, aber als sie am Wochenende zum ersten Mal vor dem Berliner Olympiastadion stand, war sie eingeschüchtert: "Das erste, was ich dachte, war, wie furchteinflößend dieses Stadion doch ist mit all den Säulen und Steinblöcken", sagte die Olympiasiegerin im Diskuswerfen aus den USA und fügte hinzu: "Jetzt kann ich mir vorstellen, wie Jesse sich gefühlt haben muss, als er in dieses Stadion kam und das auch noch in einer Situation, in der die Menschen ihm nicht unbedingt die Daumen drückten."
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Provokation für Hitler: Jesse Owens (Mitte, re. Luz Long) störte durch seine Siege die Nazi-Inszenierung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. - (© Foto: AP)
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Es ist lange her, dass Owens seinen großen Auftritt in diesem Stadion hatte, bei Olympia 1936 gewann er dort vier Goldmedaillen - über 100 und 200 Meter, mit der 4x100-Meter-Staffel sowie im Weitsprung - und platzte damit in die Inszenierung der Nationalsozialisten, welche vor aller Welt die Überlegenheit ihrer arischen Rasse demonstrieren wollten. Im Alleingang widerlegte Owens diese Ideologie, demütigenderweise für die Nazis vor den Augen ihres Führers Adolf Hitler. Owens' Siege waren freilich auch ein Signal in seine Heimat, wo man als Schwarzer damals ebenfalls nur ein Mensch zweiter Klasse war.
"Er hat den Weg für uns alle geebnet", sagt Harvey Glance, 1976 in Montreal Olympiavierter über 100 Meter und heute Männer-Chefcoach des US-Teams. Und mit "uns" meint Glance nicht nur die schwarzen Leichtathleten in den USA, sondern schwarze Sportler generell; manche glauben gar, dass auf dem von Owens geebneten Weg Barack Obama als erster afroamerikanischer Präsident der USA ins Weiße Haus einziehen konnte. Um das Andenken an seinen großen Vorläufer zu pflegen, hat der amerikanische Leichtathletik-Verband USTAF diese Saison jedenfalls unter das Motto gestellt "Return to Berlin" - Rückkehr nach Berlin. USTAF hat die Erinnerung an Owens richtiggehend vermarktet: Der Ausrüster hat T-Shirts hergestellt mit einem Wappen, in dem über rot-weißen Streifen die Zahl "1936" prangt, und als weitere Reverenz sind auf den Trikots der WM-Starter die Initialen "JO" eingestickt.
Wenn man amerikanische Athleten fragt, sagen alle, wie geehrt sie sich fühlen, in dem selben Stadion zu laufen, in dem einst auch Jesse Owens gelaufen ist. "Er ist ein Vorbild", sagt Allyson Felix, die 200-Meter-Weltmeisterin, "jemand, zu dem ich aufschaue. Er hatte auch abseits der Bahn große Klasse". Als sie die Mannschaft auf die WM einstimmten, erzählt Chefcoach Harvey Glance, der den 1980 verstorbenen Owens noch kennengelernt hat, hätte nicht jeder Nominierte etwas mit Jesse Owens anfangen können: "Aber ich war überrascht, dass es doch so viele waren." Einige wussten nur Bescheid über den sportlichen Erfolg (den zu wiederholen im Übrigen nur seinem Landsmann Carl Lewis gelungen ist, 1984 in Los Angeles), andere auch über die politischen Bedingungen, in denen sie erzielt wurden. Den völlig Unbedarften gab Glance vor der WM einen kurzen Geschichtsunterricht.
"Da ist er überfordert"
Die Amerikaner zeigen damit erstaunlicherweise mehr historisches Bewusstsein als die gastgebenden Deutschen. Wenn die Funktionäre des hiesigen Leichtathletik-Verbandes (DLV) ihren Athleten vor dieser WM etwas über die Vergangenheit erzählten, dann über die Europameisterschaften 2002 in München oder die Weltmeisterschaften 1993 in München. "Ich fand's schade, dass es nicht mal einen kleinen Vortrag über Berlin '36 gegeben hat", sagt der Berliner Mittelstreckler Carsten Schlangen: "Man hätte ja was lernen können."
DLV-Präsident Clemens Prokop will nun an diesem Montag in der Mannschaftsbesprechung etwas über Jesse Owens erzählen; Prokop sagt außerdem, dass im Organisationskomitee schon darüber nachgedacht worden sei, einen Bezug zu den Olympischen Spielen 1936 herzustellen, aber irgendwie ist das dann im Sand verlaufen. Wenn nun beispielsweise der Weitspringer Sebastian Bayer, 23, etwas zu dem Thema sagen soll, bewegt er sich sichtlich auf einem ungewohnten Terrain, als wäre er im Treibsand gelandet. "Da ist er überfordert", nimmt ihn sein Trainer Joachim Schulz in Schutz.
Nicht nur der DLV, auch das lokale Organisationskomitee hatte im Übrigen nichts für eine Reminiszenz an die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin übrig. Für die vom Forum für Sportgeschichte organisierte, knapp 30.000 Euro teure Ausstellung "Jesse Owens - Eine Sportlegende" fiel jedenfalls nichts ab aus dem Zwei-Millionen-Euro-Etat des OK für das Kulturprogramm rund um die WM. Immerhin haben sie Nachfahren von Jesse Owens und dessen deutschem Weitsprung-Konkurrenten Luz Long, dem Silbergewinner von Berlin, zur Siegerehrung der Weitspringer am kommenden Samstag eingeladen.
Vorher ist schon die Diskuswerferin Stephanie Brown Trafton dran, sie wird immer noch eingeschüchtert in dieses Stadion gehen, glaubt sie, aber mit einem anderen Deutschland-Bild als seinerzeit Jesse Owens. "Die Deutschen lieben das Diskuswerfen", sagt sie, "die meiste Fanpost bekomme ich jedenfalls aus Deutschland".
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(SZ vom 17.08.2009/dop)
Berliner Zeitung
Ausnahmsweise hat das quasi gar nichts mit dem 3. Reich zu tun. Die Rassendiskriminierungen in den USA unterschieden sich von denen der Nazis nur in Nuancen und sie waren über Jahrhunderte etabliert!
Jsse Owens mag die von den Nazis propagierte Überlegenheit ihrer arischen Rasse torpediert haben, vor allem aber hat sein Erfolg dazu geholfen die Rassentrennung und Diskriminierung in den USA zu überwinden.
Der Sieg des Sportlers Jesse Owens war den Rassisten in den USA mindestens so unangenehm wie den Nazis.
Als Sportler hatte er dabei eine ähnliche Bedeutung wie die Boxer Jack Johnson (1. schwarzer Schwergewichtsweltmeister) und Joe Louis für die Schwarzen in den USA.
Europa oder das 3. Reich interessierten da höchstens am Rande und bis zu einem Martin Luther King war es immer noch ein weiter Weg.
Das ist die eigentliche geschichtliche Bedeutung von Jesse Owens und es ist erstaunlich, dass Herr Joachim Mölter so wenig geschichtliches Bewusstsein besitzt.
Mit dem kleinen Hinweis "eines Signals an seine Heimat" wird der Autor ihr nur sehr unzureichend gerecht.