Von Thomas Hahn

Bevor sie am Erfolgsdruck zerbrach, wechselte die Siebenkämpferin Carolina Klüft die Disziplin. Auch ohne Erfolg bleibt die Schwedin ein Vorbild - mit ihrer Einstellung.

Auf der anderen Seite des Platzes ist etwas passiert, vor der Gegengeraden im schlecht besuchten Olympiastadion von Barcelona an diesem ersten, heißen, trägen Tag der Leichtathletik-EM. Carolina Klüft, die Olympiasiegerin und dreimalige Weltmeisterin im Siebenkampf, schnellt aus der Sandgrube, ballt die Faust und wirkt ganz aufgeladen mit Freude. 6,62 Meter im ersten Versuch - das könnte die Vorlage zu einem Erfolg sein, für den sie sich selbst eine Medaille umhängen würde, wenn es Medaillen für bestandene Weitsprung-Qualifikationen gäbe.

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Statt am Erfolgsdruck zu zerbrechen, wechselte Carolina Klüft schlicht die Disziplin. Die Titel bleiben aus, aber sie vermisst sie nicht. (© afp)

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Es folgt eine Zeit des Bangens, die Mitbewerberinnen sind stark, viele ziehen an Carolina Klüft vorbei, andere springen weit, aber bleiben trotzdem zurück, die junge Deutsche Nadja Käther zum Beispiel, die mit ihren 6,61 Metern auch ihre Team-Kollegin Bianca Kappler (6,50) übertrifft. Und Carolina Klüft kann nicht zusetzen. Sie wird Zwölfte, weitengleich mit der Schweizerin Irène Pusterla. Das reicht knapp für das Finale der besten Zwölf an diesem Mittwoch, und Carolina Klüft, Schwedens Leichtathletik-Idol, sagt: "Für mich ist das ein großer Sieg."

Wenn berühmte Sportler kleine Erfolge zu Triumphen erklären, klingt das immer ein bisschen bemüht. Als wollten sie davon ablenken, dass ihre beste Zeit vorbei ist. Bei Carolina Klüft, 27, ist das ein bisschen anders. Sie wirkt glaubwürdiger denn je in ihrer Rolle als fröhliche Ex-Siegerin, was einerseits an ihrer sonnigen Aura liegt, die sogar ein bisschen matter wirkte, als sie noch eine gefeierte Akkord-Gewinnern war.

Unverträgliche Dauer-Dominanz

Und es liegt an der Art ihrer Entscheidungen, die logisch erscheinen und aus Lebensfreude getroffen, nicht aus der Not eines bedrängenden Alltags im Kommerzsport wie bei der Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa aus Russland. Wie Klüft gehört Issinbajewa zu den wenigen Größen der europäischen Leichtathletik, welche das Fachvolk als sogenannten Weltstar wahrnimmt. Aber Issinbajewa hat ihre Dominanz auf Dauer nicht vertragen. Sie wollte neue Siege, missachtete ihr Motivationsproblem und verlor heftig. In dieser Saison pausiert sie.

Carolina Klüft dagegen ist eine meisterhafte Regisseurin ihrer eigenen kleinen Saga. Bevor sie verlieren konnte, wechselte sie das Genre. Vor drei Jahren hat sie ihre Siebenkampf-Karriere beendet, in der es für sie seit 2002 einmal Olympia-Gold, zweimal EM-Gold und dreimal WM-Gold gab. Drei WM-Titel in Serie hatte noch keine Siebenkämpferin vor ihr, den einen ihrer zwei EM-Titel gewann sie 2006 in Göteborg trotz turmhoher Erwartungen des Heimpublikums. Abgesehen vom Weltrekord, den 7291 Punkten der Amerikanerin Jackie Joyner-Kersee aus der Hoch-Phase des Anabolika-Dopings (1988), hatte sie praktisch alles erreicht, was sich ein Sportler wünschen kann. Es ging nicht mehr weiter. Sie musste raus aus ihrem Königinnen-Dasein und wurde Weit- und Dreisprung-Spezialistin.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich Klüfts Karriere-Wechsel bewährte.

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