Leichtathletik Eine Frau kämpft gegen Russland

Die Läuferin Julia Stepanowa ist die wichtigste Kronzeugin im Skandal um Doping im russischen Sport. Sie musste ihr Heimatland verlassen.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Julia Stepanowa half, das russische Dopingsystem aufzudecken. Sie musste das Land verlassen und schon achtmal den Wohnort wechseln. In Rio will die Läuferin starten. Darf sie?

Von Johannes Knuth

Ihr altes Leben holt Julia und Witali Stepanow immer mal wieder ein. Etwa neulich, als Wjatscheslaw Sinew starb, der ehemalige Generaldirektor der russischen Anti- Doping-Agentur Rusada. Und kurz darauf Nikita Kamajew, dessen Nachfolger an der Spitze der Organisation. Zwei Herztode binnen elf Tagen, obwohl beide nie von Herzproblemen berichtet hatten.

Witali Stepanow kannte Sinew, sie arbeiteten früher zusammen bei der Rusada. "Ich hätte nie gedacht, dass es auch Leute im Sport erwischt", sagt Stepanow. Mord? Er umfährt dieses Wort, nur so viel: "Es sieht sehr, sehr verdächtig aus." Die Toten wussten viel, Kamaew wollte ein Buch schreiben, auspacken. So wie die Stepanows. Deshalb muss jetzt, in ihrem neuen Leben, vieles geheim bleiben: wo sie wohnen, was sie tun, wer ihnen hilft. Man kann sie anrufen, per Videotelefonie, sie berichten dann, dass sie gerade zum achten Mal umgezogen sind, ins achte Versteck. Weil sie damals in einer ARD-Dokumentation erzählten, was Russlands Leichtathletik antrieb: Doping nach System.

Die Stepanows können nicht zurück, vermutlich nie mehr

Witali und Julia Stepanow sind jetzt, eineinhalb Jahre später, gefangen zwischen den Welten. Er, der ehemalige Mitarbeiter der Rusada, sie, eine 800-Meter-Läuferin, die im Systemdoping eingebettet war - ehe sie aufflog, vom System ausgespuckt wurde und den Betrug freilegte. In Russland beschimpfen sie die Stepanows seitdem als Verräter, wahlweise als Lügner. Sie können nicht zurück, vermutlich nie mehr, zu gefährlich. In ihrem neuen Leben sind sie aber auch noch nicht angekommen. Sie hoffen, sich bald dort niederlassen zu können, wo sie sich gerade verstecken. Einmal im Monat telefonieren sie mit den Eltern, auch die Familien dürfen nicht wissen, wo sie wohnen. Sie vermuten ihre Kinder in Kanada. Neulich kam im russischen Fernsehen, die Stepanows hätten beantragt, dort bleiben zu dürfen, und was das Staatsfernsehen sagt, muss ja stimmen, oder?

Julia Stepanowa sagt, dass sie sich damals zwei Ziele in den Kopf gesetzt habe: "Ich wollte den Betrug zeigen. Und ich will einen Beitrag zum sauberen Sport leisten." Den ersten Teil hat sie erfüllt, den zweiten noch nicht. Sie will dafür laufen, am liebsten bei den Sommerspielen im August in Rio de Janeiro. Und was irgendwie selbstverständlich klingt, ist doch nicht ganz so selbstverständlich.

Illustration: Stefan Dimitrov

Stepanowa hat ein Startrecht für Rio beantragt

Stepanowa ist vor einem Jahr wieder gelaufen, kurz nach der ersten ARD-Dokumentation, beim Istaf in Berlin, bei kleineren Meetings und Landesmeisterschaften in Deutschland. Mittlerweile kann sie nicht mehr antreten (und Preisgelder verdienen), Deutschland war zu unsicher, und überhaupt: Stepanowa startet ja für Russland. Russland ist seit vergangenem November aber vom Leichtathletik-Weltverband von allen internationalen Wettkämpfen ausgesperrt, wegen der Beweise, die die Stepanows und eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zusammentrugen. Russische Athleten dürfen seitdem nur bei Wettkämpfen in Russland starten, das wäre für Stepanowa zu gefährlich. Und selbst wenn Russland vor den Sommerspielen in Rio begnadigt würde - der Verband würde sie kaum nominieren.

Julia Stepanowa hat also beim Weltverband beantragt, wieder starten zu dürfen, für Rio und überhaupt. Wegen ihrer Anstrengungen als Kronzeugin. IAAF-Präsident Sebastian Coe hat die Kommission, die derzeit Russlands Reformen im Anti-Doping-Kampf überwacht, beauftragt, ein Startrecht zu prüfen; im Mai, bei der nächsten Zusammenkunft des Präsidiums, wollen sie darüber richten.