Leichtathletik Drei Mal lebenslang

Leichtathletik-Weltverband IAAF sperrt mutmaßlich korrupte Funktionäre.

Von johannes knuth

Das neue Jahr ist gerade eine Woche alt, da ist im Leichtathletik-Weltverband IAAF hektische Betriebsamkeit ausgebrochen. Präsident Sebastian Coe veröffentlichte just in einer Art schriftlichen Neujahrsansprache einen Plan, mit dem er das zerschmetterte Vertrauen in die von Betrugsaffären zerfurchte Leichtathletik wiederherstellen wolle. Er werde unter anderem das Budget des Anti-Doping-Ressorts verdoppeln, von vier auf acht Millionen Dollar. Das klang hübsch, Coe hatte da allerdings Aufgewärmtes von Vorgestern aufgetischt, die Budgeterhöhung hatte er ja schon vor einem Monat verkündet. Am Donnerstag entschied die Ethikkommission der IAAF dann - nachdem sie 18 Monate lang vor sich hin ermittelt hatte - drei Funktionäre lebenslang zu sperren: Walentin Balachnitschew, den ehemaligen russischen Verbandspräsidenten und IAAF-Schatzmeister, Alexej Melnikow, einst Cheftrainer der russischen Athleten, sowie Papa Diack, langjähriger Marketingberater der IAAF. Sie sollen Geld dafür kassiert haben, Dopingfälle zu vertuschen, zum Beispiel jenen der russischen Marathonläuferin Lilija Schobuchowa. Sie soll sich den Start bei den Olympischen Spielen 2012 in London mit 450 000 Dollar erkauft haben. Gabriel Dollé, einst Chef der Anti-Doping-Abteilung der IAAF und ebenfalls in die Vertuschungspraktiken verstrickt, wurde für fünf Jahre gesperrt.

Die Sanktionen überraschen kaum, Verdächtige und Anschuldigungen waren seit mehr als einem Jahr bekannt, als die ARD über flächendeckende Manipulationen in Russlands Leichtathletik berichtete. Russlands Leichtathletikverband wurde dann im vergangenen November aus der IAAF verstoßen, nachdem eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ein Netzwerk des Betrugs freigelegt hatte; ob der Verband für die Olympischen Sommerspielen 2016 rehabilitiert wird, ist ungewiss. Dollé, Lamine Diack, Vater von Papa und Vorgänger Coes, sowie Habib Cissé, Diacks Anwalt, wurden zudem im November von französischen Behörden verhaftet. Pikant ist nun jedenfalls, was russische Funktionäre dem Ethik-Gremium steckten. Demnach hatte die IAAF den Betrug in ihrem Anti-Doping-Ressort seit 2011 institutionalisiert. Diacks Anwalt soll Blutpässe russischer Athleten federführend überwacht haben. Schlug das System aus, soll Cissé in mindestens sechs Fällen Geld von betroffenen Athleten erpresst haben. Angeblich waren auch Sportler aus der Türkei und Marokko betroffen.

Coe verkaufte die Sanktionen des Gremiums am Donnerstag als "starke Botschaft" im Kampf um die Glaubwürdigkeit seines Sports. Tatsächlich dürfte die Betriebsamkeit in der IAAF einem anderen Termin geschuldet sein. Die Wada hatte unlängst bestätigt, dass sie am 14. Januar in München ihren zweiten Bericht präsentieren wird, ebenfalls über systemische Korruption in der IAAF. Dem Vernehmen nach ist er weitaus brisanter als der jüngste Bericht der IAAF-Ethiker.