Von Thomas Hahn

Goldmann, der Brief, die Unterschriften: Diese Begriffe prägen eine heftige Debatte. Speerwerferin Christina Obergföll diskutiert, warum sie für den dopingbelasteten Trainer unterschrieben hat.

Um den Sport geht es dann auch noch nach all den Fragen zu Osten und Vergangenheit, und Christina Obergföll, die Speerwerferin, wirkt plötzlich wieder ganz sicher. Von den Vorbereitungen auf die WM in Berlin redet sie, vom Trainingslager in Südafrika mit Norwegens Olympiasieger Andreas Thorkildsen, von ihren Zielen und inneren Kämpfen. Sogar von der Krise der deutschen Leichtathletik, die selbst vor ihr nicht Halt macht, obwohl sie dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) als Bronze-Gewinnerin bei Olympia die einzige Medaille brachte.

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Christina Obergföll gehört zu den Unterzeichnern des Protestbriefes im "Fall Goldmann". (© Foto: Reuters)

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"Der Etat der Ausrüster ist so, dass sie für die Leichtathletik weniger Geld haben", sagt Christina Obergföll, "momentan habe ich das Gefühl, dass ich sehr darunter leide, dass wir so schlecht abgeschnitten haben in Peking." Aber auch dieses Thema scheint ihr längst nicht so unangenehm zu sein wie die Diskussion zuvor um das umstrittenste Autogramm ihrer bisherigen Karriere. Ihre Unterschrift unter den Protestbrief für die Weiterbeschäftigung des dopingbelasteten, früheren DDR-Trainers Werner Goldmann.

"Ich stehe dazu"

Goldmann. Der Brief. Die Unterschriften. Das sind die Schlagworte zu einer langen Geschichte, die viel über die miserable Aufarbeitung des DDR-Staatsdopings erzählt, fast genauso viel über zu enge Athletenperspektiven, und die in Kurzfassung so geht: Vor den Spielen 2008 erklärte der frühere Kugelstoßer Gerd Jacobs, staatlich anerkanntes DDR-Dopingopfer und geständiger früherer Stasispitzel ("Ich war hochgradig beteiligt"), im ZDF, dass Werner Goldmann, damals Disziplintrainer im DLV, ihm zu DDR-Zeiten Dopingmittel verabreicht habe.

Goldmann dementierte, vor der Abreise nach Peking unterzeichnete er die Ehrenerklärung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), nie Dopingmittel weitergegeben zu haben. Eine DOSB-Kommission unter dem früheren Bundesverfassungsrichter Udo Steiner ermittelte, kam nach Olympia zu dem Schluss, Goldmanns Ehrenerklärung sei falsch, und empfahl, Goldmanns Vertrag nicht zu verlängern. Der DLV folgte, eine Gruppe von Werfern um den Goldmann-Schüler und Diskus-WM-Zweiten Robert Harting wollte das nicht hinnehmen und setzte den Protestbrief auf, den auch Obergföll unterschrieb.

Man kann den Athleten-Ärger in gewisser Weise verstehen: 20 Jahre nach der Wende lässt der Sport einen Trainer über seine DDR-Vergangenheit stürzen, dessen Dienste er jahrelang nutzte - diese Doppelmoral muss ein Athlet nicht sofort nachvollziehen. Ihr Brief allerdings ist so oberflächlich, dass darin von der Kompliziertheit des Themas DDR-Sport wenig mehr übrig bleibt als ein eigennütziges, widersprüchlich hingewinseltes Gnadengesuch.

"Hat im Rahmen dieses Verfahrens jemand einmal die Seite Mensch des Werner Goldmann betrachtet?", fragen die Autoren und bedenken mit keiner Silbe, ob nicht auch Goldmann einen Fehler gemacht hat. "Wird jedem ehemaligen Sportler ohne weiteres Glauben geschenkt, auch wenn es dafür keine Beweise gibt?"

Dopingopfer Jacobs steht da wie ein beliebiger Rufmörder. Die Autoren beklagen kritische Medienberichte zur Aufarbeitung ("Warum wird immer wieder Unruhe und Stress in die Vorbereitung der Sportler gebracht (...)?"). Und die Goldmann-Lüge stellen sie als natürlichen Umstand dar: "Wie kann der DOSB einem sportverrückten Trainer eine Ehrenerklärung vorlegen, von der man weiß, dass sie nicht erfüllt werden kann." Schreiben so glaubwürdige Vertreter des Antidopingkampfes?

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