Leere Tribünen bei Olympia Das Schönrechnen von Zuschauerzahlen wird olympische Disziplin

Fans auf einer nahezu leeren Tribüne: 84-prozentige Auslastung sieht anders aus.

(Foto: ILNITSK/EPA-EFE/REX/Shutterstock)
  • Nach Sotschi rechnet sich auch das Organisationskomitee in Pyeongchang die Zuschauerzahlen schön.
  • Fakt ist jedoch, dass bei vielen Veranstaltungen die Tribünen ziemlich leer sind - doch so richtig überrascht das niemanden.
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Von Johannes Aumüller, Pyeongchang

Vor vier Jahren in Sotschi saß an dieser Stelle stets Alexandra Kosterina. Sie war eine sehr freundliche, aber auch sehr resolute Sprecherin des damaligen Organisationskomitees. An jedem Tag um Punkt elf Uhr begab sie sich vor die Medien, zu ihren Aufgaben gehörte es, die neueste Statistik zu den Zuschauerzahlen bekannt zu geben. Die fiel oft recht verwegen aus. Die proklamierte 90-prozentige Auslastung konnten Athleten an den Sportstätten jedenfalls nicht so oft bestätigen.

In Pyeongchang sitzt auf dem Platz des Sprechers Sung Baik-you. Der tritt ebenfalls sehr freundlich, wenngleich bisher nicht so resolut auf. Auch er sagt jeden Morgen in seinem Vortrag um elf Uhr etwas über die Statistik zu den Eintrittskarten. Auch wenn die Spiele erst seit wenigen Tagen laufen, so drängt sich der Verdacht auf, dass Herr Sung noch verwegenere Zahlen bekannt gibt als damals Frau Kosterina.

Am Montag zum Beispiel erklärte er, dass für die Wettkämpfe während der Spiele insgesamt durchschnittlich 84,2 Prozent (von 1,18 Millionen Tickets) und für den laufenden Tag 94,4 Prozent der Tickets verkauft seien. Und dass in den vergangenen Tagen auch schon Wettkämpfe komplett ausverkauft gewesen seien, zum Beispiel das Spiel im Frauen-Eishockey zwischen Korea und der Schweiz. Da kam dann prompt Protest von einer japanischen Journalistin: Sie sei bei dem Spiel gewesen und habe doch sehr viele Lücken in den Zuschauerrängen bemerkt. Ja, gab Herr Sung zu, er sei auch da gewesen und habe auch die Lücken gesehen. Aber mancher Zuschauer, der ein Ticket gekauft habe, sei halt einfach nicht gekommen und andere hätten sich gerade auf den Gängen befunden. Und dann sagte er auf Koreanisch einen sehr philosophischen Satz, zumindest wenn die Wiedergabe des Simultan-Dolmetschers korrekt ist: "Wenn Plätze im Fernsehen als leer wahrgenommen werden, bedeutet das nicht, dass die Zuschauer nicht da gewesen sind."

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Das Schönrechnen von Zuschauerzahlen scheint eine eigene olympische Disziplin zu sein. Nun muss man zur Ehrenrettung von Herrn Sung sagen, dass das erwähnte Eishockey-Spiel im Vergleich sogar noch ganz gut besucht war. Und zur Ehrenrettung der Spiele insgesamt muss man sagen, dass es wirklich außerordentlich kalt ist in diesen Tagen und es viele angenehmere Tätigkeiten gibt, als sich um Mitternacht bei minus 18 Grad im Ski-Zentrum Alpensia Menschen anzuschauen, die eine Schanze hinunterhüpfen. Aber Fakt ist, dass bei vielen Veranstaltungen die Tribünen ziemlich leer sind. Da kann offenkundig nicht mal die von Herrn Sung verkündete und aus Sotschi bekannte Direktive helfen, zur Not dürften sich auch Volunteers sowie Angestellte nach Dienstende auf den freien Plätzen einfinden.

Es hat durchaus stimmungsvolle Momente gegeben bei diesen Olympischen Spielen, sogar solche, an denen nicht eine nordkoreanische Cheerleading-Gruppe beteiligt war. Gleich am Auftakttag war das etwa der Fall, als der Shorttracker Lim Hyo Jun das erste Gold für die Gastgeber-Nation holte. Aber insbesondere bei Biathlon und Skispringen werden Zuschauer und Stimmung vermisst. Das hat mit dem generell geringen Interesse koreanischer Zuschauer für diese Sportarten zu tun, und es wird dadurch verstärkt, dass die Wettbewerbe erst spät abends stattfinden - und es da halt besonders kalt ist. Die späten Startzeiten wiederum haben damit zu tun, dass diese Sportarten in Mitteleuropa populär sind und entsprechend auf dem dortigen Fernsehmarkt zu einer tauglichen Zeit zu sehen sein sollen. Das hat dann gute TV-Quoten zur Folge - aber zugleich wenige Zuschauer am Ort und wenig Stimmung.

Eine Atmosphäre wie beim "Deutschlandpokal"

Entsprechend irritiert geben sich manche Beteiligten. Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster verglich die Atmosphäre mit dem "Deutschlandpokal". Gerald Hönig, sein Kollege vom Frauen-Biathlon, befand sogar: "Im Vergleich zu jedem Weltcup war das ein Trauerspiel. Das haben unsere Sportlerinnen bei Olympischen Spielen nicht verdient."

Richtig überraschen kann die zurückhaltende Stimmung an den Wettkampfstätten, aber auch in den Orten niemanden. Das war von Anfang so erwartet worden, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele im Jahr 2011 nach Pyeongchang vergab, ein beschauliches Nest in einer wenig besiedelten und strukturschwachen Region. Und in ein Land, in dem es nur wenig Begeisterung für den Skisport gibt.

Das IOC mag Nachfragen zur schlechten Stimmung nicht richtig nachvollziehen. Vergleiche mit früheren Olympischen Spielen, etwa mit Vancouver 2010, wo insgesamt 1,5 Millionen Zuschauer kamen, seien ein bisschen unfair, finden sie und geben zu bedenken: Alle Spiele haben doch ihre speziellen Bedingungen.

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