Lance Armstrongs Vermächtnis Superman hinterlässt einen Krater so groß wie Texas

Radprofi Lance Armstrong: amerikanische Zeitungen wählen ihn zum "Anti-Sportler 2012" 

(Foto: dpa)

Amerikanische Medien küren ihn zum "Anti-Sportler 2012": Der einstige Radsportheld Lance Armstrong beendet das Jahr als überführter Dopingsünder und Lügner. Die Aufdeckung des Skandals ist für die Bekämpfung der Pharmahilfe im Sport ein historischer Triumph - und doch steht die Affäre erst am Anfang.

Von Thomas Kistner

Lance Armstrong grüßte als "Sportler des Jahres" vom Cover der Sports Illustrated. Das war 2002. Zehn Jahre später würde Amerikas größtes Sportmagazin diesen Ausrutscher gern rückgängig machen. Weil das nicht geht, setzt ihn das Blatt nun an die Spitze seiner "Anti-Sportler des Jahres" und hält fest: "Sein Vermächtnis zerbrach schneller, als seine mit Steroiden vollgepumpten Beine ihn einst durch die Pyrenäen Frankreichs trugen." Ein Lügner und Betrüger - und von beispielloser Infamie, denn: "Ex-Kollegen gaben zu, dass er nicht nur ständig Steroide nahm, sondern auch seine Teamgefährten zwang, dasselbe zu tun. Aber er gibt nichts davon zu."

Aufrichtig, einsichtig - Armstrong ist nichts davon. Stattdessen weiß die Sportwelt um den einsamen Grad seiner Selbstherrlichkeit, seit der Texaner ein Foto twitterte, das ihn auf der Couch unter seinen Tour-de-France-Trikots zeigt. Unter sieben gelben Trikots, die ihm Tage zuvor aberkannt worden waren. Muss man sich sorgen um den Mann, der die Dopingaffäre des Jahrzehnts verursachte? Eher nicht. Was diese Sportlervita durchzieht, ist üppig dokumentierte Brutalität. Da sind die Bilder, wie er Kollegen ausbremst und bedroht. Da sind die Prozesse, die neu aufgerollt werden, weil er Jurys belog, die ihn anhörten. Zwölf Millionen Dollar will die US-Versicherungsfirma SCA zurück, die ihm Siegprämien auszahlen musste; 1,2 Millionen Euro klagt die Sunday Times ein, sie verlor einst einen Verleumdungsprozess. Und will nicht bald auch der Tour-de-France-Veranstalter Aso sein Geld zurück?

Da gibt es Aufzeichnungen, wie er unter Eid Dopingzeugen als Lügner beschimpft und Frauen als Schlimmeres. Es gibt Telefonbänder wie das von Betsy Andreu, Ehefrau eines Ex-Kollegen, der von der Mitarbeiterin einer Armstrongschen Sponsorfirma erklärt wird, sie wünsche sich sehr, jemandem in Andreus Familie möge eine Tragödie zustoßen. Und erst vor Tagen verriet der Ex-Profi Tyler Hamilton, er habe aus Angst vor Armstrongs Rache nicht nur den Wohnort, sondern gleich den Bundesstaat verlassen. Colorado liege zu nahe an Texas, und das sei "Armstrong-Land".

Brutal. Simpel. So sind die Dinge in dieser Affäre. Armstrongs Körperkraft, die viele Fans der Dopersparte Radsport als heroisch feierten, verdankt sich kriminell ausgeklügelter Pharmatherapie; Spekulationen über zudem vorhandenes Supertalent sind Unfug. Talent hatte der Krebs-Überlebende im Umgang mit modernsten Dopinghämmern. Was den Heldenverehrern, von denen die Traumfabrik Spitzensport so gut lebt, nur das Fazit lässt: Superman war ein mediokrer Fahrer. Zieht man die Pharmazie ab, bleibt kein Hinweis auf besondere Fähigkeiten. Platz 36 bei der Tour 1995 ist das beste Resultat, das für Armstrong - nach Aberkennung seiner Titel - im Königsbewerb heute zu Buche steht.

Weil sie so viel größer ist als ihr Verursacher, steht die Affäre erst am Anfang. 2012 stürzte der Sünder, und es ist das Jahr, in dem die Pharmabekämpfung einen historischen Triumph feierte. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada tat erstmals, was der Sport, der deutsche zum Beispiel, gar nicht schätzt an seinen finanziell und politisch abhängigen Fahndungstrupps: Eigene Wege gehen. Sich mit staatlicher Justiz vernetzen. Und Zielpersonen im Spitzensport anpeilen, die sich aufgrund eindeutiger Indizien aufdrängen. Die Usada hat nicht bei Rhönradfahrern und Kindersportlern herumgeschnüffelt. Sie hat den Mächtigsten herausgefordert und ihn zwei Jahre lang eingekreist. Und Usada-Chef Travis Tygart war sich über all die Zeit im Klaren, dass sein Job an seidenen Fäden hing.

Denn Armstrong hatte mächtige Freunde. Er radelte mit Bill Clinton und George W. Bush, dinierte mit Nicolas Sarkozy. So umgarnt schaffte es der stahläugige Rabauz, eine Ikone weit über den Sport hinaus zu werden: Er schlachtete sein eigenes, ihm wiedergeschenktes Leben schamlos aus. Mit "Livestrong" gründete er eine der erfolgreichsten Krebsstiftungen des Globus. Fortan schmetterte er Kritikern entgegen: Wer ihn, den Krebsbezwinger, verdächtige, er dope seinen mühsam geretteten Körper mit Pharmaka, der trete das Schicksal aller Krebskranken mit Füßen.