Lance Armstrongs Dopingbeichte Vor dem großen Beben

Streng genommen sind die Meldungen spekulativ, die in den USA vom Dopinggeständnis des Lance Armstrong künden. Als sicher gilt: Was bleibt dem König in der Ecke? Nichts als die Flucht nach vorne. Dem Sport selbst droht das wahre Beben erst, wenn Armstrong auspackt, was er wirklich weiß.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Schach dem König!, rief im August die Anti-Doping-Agentur Usada dem größten aller Radhelden zu. Schach!, hieß es fortan Monat für Monat - und jetzt eben: Schachmatt. Streng genommen sind die Meldungen ja spekulativ, die in den USA vom Dopinggeständnis des Lance Armstrong künden. Die Quellenlage jedoch ist äußerst seriös; zudem lässt Oprah Winfrey, die Fernsehbeichtmutter des gestrauchelten Profis, die Berichte so stehen.

Offen bleibt nur, wie weit des Texaners Mitteilsamkeit reicht. Armstrongs legendär robustes Gemüt hat ja manchen Kollegen Job und Broterwerb gekostet, und manche Firma eine siebenstellige Summe, die es wagte, die Wahrheit über ihn zu formulieren. Über einen Betrüger, der auch kein Problem hatte, im Zeugenstand zu lügen.

Deshalb gilt, was immer er sagte in seinen schwersten Stunden, die als Zweiteiler über Winfreys Kanal flimmern werden: Diese Reue erwuchs mitnichten aus dem Druck eines bohrenden Unrechtbewusstseins, sie ist Resultat einer knallharten Güterabwägung. Was bleibt dem König in der Ecke? Nichts als die Flucht nach vorne. So wird jetzt zwar viel gemutmaßt über seine Beweggründe, über den heftig lodernden Wunsch, die lebenslange Sperre in eine zeitlich befristete umzuwandeln und vielleicht wieder im Triathlon starten zu können. Aber im Ernst: Kann das die Frage sein, die den 41-Jährigen in der realen Situation umtreibt?

Die sieht ja nicht nur so aus, dass ihm, dessen Vermögen auf 100 Millionen Euro geschätzt wird, Schadensklagen in zweistelliger Millionenhöhe drohen. Zudem bringen Armstrongs gefürchtete politische Drähte, die ihm so lange den Betrug absichern halfen, nun das US-Justizministerium in Not. Dass vor Jahresfrist eine Bundesermittlung, die wohl bereits Anklagereife hatte, auf bizarre Art eingestellt wurde durch einen Bundesanwalt, der früher selbst Rad-Fitnesscoach war - das hat dank der allseits zugänglichen Ermittlungsakten der Usada einen penetranten Geruch entfaltet.

Nun läuft aber auf Basis des Whistleblower-Gesetzes durch Armstrongs Ex-Kollegen Floyd Landis auch eine zivile Betrugsklage gegen Armstrong. Die bringt das Ministerium in eine Lage, die so ausweglos erscheint wie die des Sünders selbst. Tritt die Justiz Landis' Klage bei, wird sie den Bundesanwalt höchstwahrscheinlich bloßstellen müssen. Tut sie es nicht, ficht Landis den Prozess im Alleingang durch. Und im anzunehmenden Erfolgsfall wird die Öffentlichkeit fragen, warum der Staat nicht selbst sein Steuergeld beim Großbetrüger einklagte.

Für Armstrong bedeuten beide Szenarien: Er muss unter Eid aussagen. Besser also, sich als freiwilliger Reuiger alle Optionen auf Strafmilderung offenzuhalten. Die sei ihm gegönnt, sofern er sein System darlegt: Geldflüsse, Finanziers, Ärzte - und wenn er auspackt, was sein Freund Hein Verbruggen wusste. Der Funktionär, der den Radsport durch die Ära Armstrong führte, der 2005 seinen Vertrauten Pat McQuaid an der UCI-Spitze installierte und heute den Weltdachverband der Sportverbände regiert. Dem Sport selbst droht hier das wahre Beben.