Der ehemalige Radprofi Frankie Andreu hat einst in einem Dopingprozess gegen Lance Armstrong ausgesagt - bei der Tour begegnet er ihm wieder.
"Lance Armstrong bestreitet nachdrücklich, jemals leistungssteigernde Dopingsubstanzen genommen zu haben." ("Rechtliche Mitteilung" der Anwälte Lance Armstrongs aus dem Jahr 2004)
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Frankie Andreu (rechts) interviewt Lance Armstrong. (© Foto: Getty)
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Donnerstagmittag ist Lance Armstrong unrasiert in Tonnerre erschienen, aber seine Laune ist gut; natürlich ist sie das, wie fast immer in diesen Tagen. Den Mann vom französischen Fernsehen beglückt er mit einer Minute vor dem Mikrophon; erst als er sagen soll, ob er zuversichtlich sei, die Tour zu gewinnen, verabschiedet sich der Texaner lächelnd. "Sorry, es geht gleich los." Frankie Andreu steht nicht im Menschenknäuel auf dem Platz der Republik in Tonnerre, wo die zwölfte Etappe der Rundfahrt ablegt. Er möchte es wohl nicht übertreiben.
Groß ist er, gut einsneunzig, doch Frankie Andreu achtet darauf, dass er nicht allzu sehr auffällt. Eine dunkle Sonnenbrille trägt er eigentlich immer, und man könnte meinen, auch die Aufschrift auf seinem Tour-Mikrophon, das er während des Rennens an sein Ohr hält, diene der Tarnung. "Franky" steht darauf, mit Y. Frankie Andreu ist als TV-Interviewer für drei Wochen hier, für Versus, einen Sport- und Lifestyle-Kabelsender, der 75 Millionen Haushalte in Nordamerika erreicht. Andreu hat auch Armstrong interviewt, "schon häufiger". Wie das war für ihn? "Naja, er ist immer freundlich, beim ersten Mal war es schon komisch."
Andreu, 42, möchte eigentlich seine Ruhe haben, längere Interviewtermine lehnt er freundlich ab. "Es geht ja doch nur um Lance. Und ich finde, hier geht es schon genug um ihn." Aber Andreu will seinen Anteil an der Geschichte seines früheren Freundes und Zimmerpartners nicht leugnen. "Es ist ja alles zu hundert Prozent wahr, wie es bekannt ist", sagt er. "Und dazu stehe ich."
Dass sich der frühere Radprofi Andreu, der achtmal die Tour de France fuhr, nach Frankreich getraut hat, ist erstaunlich. Denn er gilt als einer der Intimfeinde Armstrongs, der zurückgekehrt ist, um ein achtes Mal zu gewinnen. Neun Jahre waren sie Teamkollegen, und Andreu ist beim ersten Mal dabei gewesen: 1999 war er Kapitän des Teams US Postal, mit dem Armstrong siegte.
Inzwischen weiß man, dass Armstrong damals mit Epo dopte, wenngleich die wissenschaftlichen Nachkontrollen aus dem Jahr 2005 keine sportjuristische Relevanz mehr haben für einen Radsport, den der Regent Armstrong längst wieder im Griff hat. Und es gibt wenige Menschen, die sich gegen diesem Radsport und der unkritischen Form der Verehrung Armstrongs, wie sie bei der Tour gerade vorherrscht, entgegengestellt haben. Frankie Andreu war einer von ihnen.
Der Familienvater aus Dearbon, Michigan, ist so gut mit Armstrong befreundet gewesen, dass er am 27. Oktober 1996 im Indiana University Hospital zu einem knappen Dutzend Personen zählte, die bei einem wichtigen Termin nach seiner Hodenkrebs-Diagnose anwesend waren. Über diesen Termin haben Andreu und seine Frau Betsy 2006 als Zeugen vor Gericht ausgesagt. Ein texanischer Versicherungskonzern weigerte sich nach weiteren Dopinganschuldigungen durch frühere Betreuer und Fahrer, Armstrong den vereinbarten Bonus von fünf Millionen US-Dollar für den sechsten Toursieg auszuzahlen. Einer der Ärzte habe den Krebspatienten Armstrong gefragt, ob er jemals Dopingmittel genommen habe.
"Ja", habe Armstrong geantwortet und konkretisiert: "Epo, Wachstumshormone, Kortison, Steroide, Testosteron."
Armstrong, 37, hat den Prozess gewonnen. Er wies die Darstellung der Andreus zurück. Weitere Zeugen wie etwa der Vertreter eines Sponsors bestätigten sie ebenfalls nicht. Und die Ärzte verwiesen ganz offenbar auf ihre Schweigepflicht.
Die Furcht vor der "Charme-Offensive"
Andreu, der heute Radcamps betreut, zuletzt auch ein Frauenteam und der grundsätzlich einen ethischen Wandel des Radsports einfordert, bleibt bei seiner Version. "Wir haben unter Eid ausgesagt", "es ist so gewesen - und nicht nur ich weiß das, es waren genug Leute damals anwesend." 2006 hat Frankie Andreu Epo-Doping bei US Postal, wo er von 1998 bis 2000 fuhr, für seine damalige Tour-Vorbereitung zugegeben.
Ein anderer Ex-Kollege Armstrongs, der Neuseeländer Steven Swart, berichtete von Epo-Doping unter Armstrongs Initiative beim Vorgänger-Rennstall Motorola, für den auch Andreu sechs Jahre fuhr. Armstrongs einstige Leutnants Tyler Hamilton, Floyd Landis, Roberto Heras und Manuel Beltran sind inzwischen als Doping-Sünder entlarvt worden.
Aber darum geht es nicht, wenn Armstrong vor der Kamera mit Andreu spricht. Es geht dann um Radrennen. "Beim Start in Monte Carlo redeten wir erstmals, da fuhr er sich fürs Zeitfahren ein und winkte mich heran", erzählt Andreu. Beim Team Astana teilen sie zur Gewährung der Versus-Anfrage mit: "Ja, warum denn nicht?"
Andreu, das räumt er ein, weiß allerdings nicht, was er von der Situation halten soll. Ein privates Kamerateam von Armstrong dreht ja bei der Tour über ihn eine Dokumentation, und es war auch schon beim Giro in Italien immer dabei. Ob er in dem Film vielleicht vorkommen werde, als Detail einer Charme-Offensive, die Armstrong seit seinem Comeback versucht?
Ein Versus-Kollege von Andreu lacht, "Charme-Offensive!", ruft er, den Begriff findet er amüsant. Andreu lacht nicht, er setzt seine Sonnenbrille auf. Er wirkt nachdenklich.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
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(SZ vom 17.07.2009)
Kosovo-Konflikt
Ich war naiv, als ich mir in früheren Jahren die teilweise recht spannenden Tour de France -Rennen zumindest zeitweise angeschaut habe und geglaubt habe, dass hier größtenteils sauberer Sport betrieben wird.
Ich bin vielleicht immer noch naiv, weil ich dem Herrn Stadler abnehme, dass er nicht dopt. Leider glaube ich immer erst an das gute im Menschen und umso mehr enttäuscht es mich, wenn sich dann nach und nach oder plötzlich heraus stellt, dass doch an allen Ecken und Enden betrogen wird.
Übrigens: Auch den Glauben an sauberen Biathlonsport oder auch Schwimmen usw. habe ich längst verloren. Schade eigentlich, denn so wird die Trainingsqual von vielleicht doch noch dem einen oder anderen ehrlichen Sportler entwertet.
Eigentlich brauchen wir das Vorbild von fleissigen Leistungssportlern für unsere Jugend. Wenn aber die Vorbildwirkung darin besteht, dass wer mehr betrügt um so weiter bzw. schneller im Leben vorwärts kommt, sehe ich ziemlich schwarz.
Sorry, den letzten Kommentar bitte vergessen.
"Und ich als (ehem.) interessierter Zuseher fühle mich genaus betrogen um die Zeit, die ich z. B. vor dem Fernseher verbracht habe, um z. B. TdF-Etappen zu verfolgen."
Ich finde das was du da schreibst ziemlich naiv. Du schreibst du hättest dir früher TdF Etappen angesehen. Eigentlich sollte jedem - auch nur einigermaßen informieren - Radsportfan klar sein, dass seit Jahrzehnten (das ist keine Übertreibung) bei der TdF gedopt wird. Genauso wie in jeder anderen Ausdauersportart (auch in der neuen Lieblingssportart Biathlon).
Und wenn ein erfolgreicher Triathlet wie Norman Stadler (ich glaube der war am Montag bei Blickpunkt Sport) es unter seiner Würde findet mit Jaksche an einem Tisch zu sitzen, ist das eine riesige Heuchelei. Wer im Triathlon Weltspitze sein will, muss dopen, sonst brauchst du gar nicht erst anfange.
"Und ich als (ehem.) interessierter Zuseher fühle mich genaus betrogen um die Zeit, die ich z. B. vor dem Fernseher verbracht habe, um z. B. TdF-Etappen zu verfolgen."
... und ich schwöre, dass ich Tour-Berichte nicht in mich hineinsauge, sondern ignoriere. Sowohl hier, als auch in anderen Medien.
Allerdings kann ich Schlagzeilen nicht einfach ignorieren und einen Artikel wie diesen auch nicht, denn der prangert an, was ich verwerflich finde.
Unter anderem finde ich es verwerflich, dass einem (Nicht)-Ereignis, in dem offensichtlich seit Jahren betrogen wird, was das Zeug hält, in einem Medium wie SZ-online so viel Raum gegeben wird.
Genauso, wie ich es unterträglich finde, dass in den normalen Nachrichten im Bayerischen Rundfunk jeden Tag berichtet wird, wer eine Etappe gewonnen hat. Diese Meldungen, die ich nicht ignorieren kann, wenn ich Radionachrichten im BR höre, unterstützen letztendlich eine Veranstaltung und eine "Sportart", die auf Betrug aufgebaut ist und dieses System trotz aller Vorkommnisse der letzten Jahre imme rnoch aufrecht erhält.
es gibt etliche Leserbriefverfasser, die nicht müde werden, zu versichern, wie wenig sie die Tour interessiert und die anprangern, dass es immer noch viele Interessierte gibt. Paradoxerweise sind diese Autoren immer bestens informiert und saugen jede Veröffentlichung über die Tour wie Honig in sich hinein. Mein Appell: Ignoriert die Tourberichte, nehmt ein kühles Bier und eine Tüte Chips in die Hand und guckt Fussi oder was Euch sonst interessiert.
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