Länderspiel Stimmung in Berlin: Das Schweigen der Lärmer

Lauter als der Rest: Englische Fans in Berlin

(Foto: dpa)

Die deutsche Nationalmannschaft verliert auf dem Platz 2:3. Aber noch deutlicher verlieren die Fans auf den Rängen. 90 Minuten lang sind nur die Engländer zu hören.

Von Martin Schneider

Vor dem Spiel hätte man schon ahnen können, was der Abend bringen wird. "Bitte zum Einlauf der Mannschaften die Papptafeln/Folienschnitte hochhalten" stand auf einem Transparent auf der blauen Laufbahn im Berliner Olympiastadion. Und - das muss man den Fans lassen - sie hielten brav ihre Folienschnitte und Papptafeln hoch. Was hätte man sonst damit tun sollen, könnte man nun ketzerisch fragen. Aber sicher ist sicher, dachte sich wohl der DFB.

Das mit der Choreografie, das klappte nach den klaren Anweisungen ganz gut. Aber sonst? Gab es einige, die die Hymne der Engländer auspfiffen und während der Schweigeminute für die Opfer der Anschläge von Brüssel pöbelten. Aber das waren Wenige. Die große Masse war einfach über 90 Minuten still.

Dass Spiele der Nationalmannschaft eher Familien-Veranstaltungen sind, das ist nichts Neues. Jedes Bundesliga-Spiel ist lauter als ein Länderspiel. Bei Vereinen gibt es gewachsene Gruppen, bei der Nationalmannschaft gibt es den "Fan Club Nationalmannschaft", ein vom DFB erfundenes Konstrukt. Vergangene Woche war er in den Schlagzeilen, weil man dort kostenpflichtig Mitglied sein muss, um Tickets für die EM zu bekommen. Das Kartellamt ermittelt. Dass der Fan-Klub auch noch von Coca-Cola gesponsort ist, ist die Pointe der ganzen Geschichte.

Am Samstag-Abend fiel diese Künstlichkeit im Gegensatz zu den anderen Spielen nur sehr viel deutlicher auf, weil die Engländer eben - im Gegensatz zu Deutschland - eine Fankultur zur Auswahlmannschaft haben.

Der Geräuschpegel war dann auch Thema bei den Fragerunden nach dem Spiel. "Die Fans haben sich unserem Spiel angepasst - oder anders herum", sagte Thomas Müller mit seinem Thomas-Müller-Schmunzeln. Und Toni Kroos meinte: "Wir sind ja auch verantwortlich, sie mitzunehmen und haben das relativ lange getan. Am Ende gab es zwei, drei Pfiffe, damit kann ich dann auch gut leben. Es gab vielleicht schon Länderspiele, wo ein bisschen mehr los war."

Die Party fand im England-Block statt. Die Briten sangen alleine fünf oder sechsmal ihre Nationalhymne. Gut, die taugt im Gegensatz zur deutschen auch als Stadionlied, aber sie sangen auch Lieder wie: "Don't take me home, please don't take me home. I just don't wanna go to work, I wanna stay here and drink all ya beer! Please don't, please don't take me home!"

Dass die Deutschen da nichts entegegenzusetzen hatten, dass liegt allein schon daran, dass es eigentlich kein richtiges deutsches Stadionlied gibt. Natürlich singen manche Fans monoton den Landesnamen. Oder: "Auf geht's Deutschland schießt ein Tor." Das ist dann auch schon der Gipfel der Kreativität. Der letzte lustige Fangesang der vergangenen Jahre war: "Es gibt nur ein Rudi Völler." Und der ist 14 Jahre alt.

Natürlich gibt es noch die La Ola. Die wird regelmäßig bei Länderspielen initiiert, auch in Berlin. Meistens scheitert die Welle aber an der Haupttribüne. In diesem Fall aber am Gästeblock. Engländer machen nämlich bei der "Mexican Wave", wie es bei ihnen heißt, grundsätzlich nicht mit.

Wie, fragt man sich nach diesem Abend in Berlin, sollen sich aber deutsche Fans sich auch schon ein eigenes Lied ausdenken, wenn man vor dem Anpfiff schon darauf hingewiesen wird, die Folie bitte rechtzeitig hochzuhalten. Vielleicht hat es jemand vom DFB analysiert und schreibt nächstes Mal auf ein zweites Transparent: "Nach Anpfiff des Schiedsrichters bitte Lieder singen. Oder sich irgendwie bemerkbar machen."