Von Jürgen Schmieder, Klagenfurt

Nach der verdienten Niederlage gegen Kroatien geben sich die deutschen Spieler einsichtig und lernbereit. Trainer Löw erbittet Bedenkzeit, um das Spiel zu analysieren und seine Mannschaft auf das Entscheidungsspiel in Wien vorzubereiten.

Joachim Löw hat einmal gesagt, dass nur eine Kokosnuss es schaffen würde, ihn auf die Palme zu bringen. Als der Bundestrainer zur Pressekonferenz nach der Partie gegen Kroatien erschien, hatte es den Eindruck, als würden da einige Kokosnüsse vor ihm auf dem Tisch liegen. Seine Mannschaft hatte das Spiel mit 1:2 verloren, sie hatte es verdient verloren, und Löw blieb zwar äußerlich gefasst, die Erregung war jedoch nicht zu übersehen.

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Auch Bundestrainer Joachim Löw war über die Leistung seiner Mannschaft erschrocken. (© Foto: dpa)

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"Bitte geben Sie mir noch einen Tag Zeit, wir müssen das Spiel genau analysieren", sagte Löw. Er hätte auch "verdauen" sagen können, denn so eine Leistung war nicht eingeplant im als "Bergtour" deklarierten Unternehmen. Die Mannschaft hat einen Dämpfer bekommen bereits im zweiten Basislager, dabei konnte man in den vergangenen Tagen den Eindruck gewinnen, dass Begriffe wie Selbstzweifel nicht vorkommen im DFB-Dossier zur EM. "Wir können nicht zufrieden sein. Die Mannschaft hat all das nicht umgesetzt, was wir gegen Polen gezeigt haben. Wir haben Bälle verloren, wir haben Pässe unpräzise gespielt, wir haben einige Fouls begangen, die nicht nötig waren", sagte Löw.

Das Mittel gegen Deutschland

Tempofußball wollte die deutsche Elf zeigen, um die kroatische Verteidigung mit Robert Kovac, 34, und Josip Simunic, 30, sowie den Abräumer Niko Kovac, 36, unter Druck zu setzen. "Die Kroaten haben das sehr gut gemacht", sagte Christoph Metzelder. "Sie haben im Mittelfeld die Räume eng gemacht, sie waren sehr aggressiv, haben unglaublich schnell umgeschaltet. Wir sind nicht ins Spiel gekommen, damit sind wir nicht klargekommen."

Die deutsche Mannschaft kam mit kaum etwas klar, das die kroatische Elf ihnen vorsetzte. Es war nicht die hohe spielerische Kost, mit denen die Kroaten dominierten, sondern mit einfachsten Mitteln. Es begann mit endlosen Ballstafetten in der Abwehr, die in plötzliche Steilpässe auf die Offensivkräfte Olic, Rakitic und Kranjcar mündeten. Mertesacker und Metzelder mussten genauso hinterherlaufen wie Ballack und Frings. Der deutsche Kapitän wurde durch aggressives Spiel der fünf kroatischen Mittelfeldspieler aus dem Spiel genommen. Auch das sah einfach aus. "Die Kroaten wissen natürlich um die Stärke von Michael", sagte Löw. "Sie haben ihn konsequent und geschickt zugestellt."

Konsequent deckte auch Christoph Metzelder seine Gegenspieler, allerdings weniger geschickt. Er lief ihnen oftmals lange hinterher, anstatt sie Per Mertesacker zu überlassen. Beim Führungstreffer etwa klebte er wie ein Manndecker an Olic, der auf Mertesackers Position zulief. Hinter seinem Rücken entstand so ein freier Raum, in den Darijo Srna nach dem unfasslichen Stellungsfehler von Marcell Jansen hineinlief. "Da hätte ich natürlich besser stehen und dann auch zum Ball gehen müssen", sagte Jansen nach dem Spiel. "Ich bin ein junger Spieler. So einen Fehler muss ich eingestehen und daraus lernen."

Einen Lerneffekt erhoffen sich auch die anderen deutschen Akteure aus diesem Spiel. "Es war vielleicht ein Dämpfer zur rechten Zeit", sagte Philipp Lahm - einer der wenigen Deutschen, die Normalform erreichten. "Nun haben wir das Endspiel in Wien und müssen beweisen, dass wir dem Druck standhalten können." Clemens Fritz bewertete das Spiel gegen Österreich lakonischer: "Gegen Österreich wollten wir sowieso gewinnen, und jetzt wollen wir das immer noch."

Schweinsteigers Vogel

Bei diesem Spiel wird Bastian Schweinsteiger definitiv fehlen, er hat nicht nur seinen Gegenspieler Jerko Leko umgestoßen, sondern nach der roten Karte auch noch den Vogel gezeigt. Sich selbst? Dem Schiedsrichter? Dem kroatischen Trainer Slaven Bilic? Es blieb unklar, weil sich Schweinsteiger nach dem Spiel direkt von der Kabine in den Mannschaftsbus geleiten ließ. Unklar ist auch, ob man Schweinsteigers Fehlen nach den beiden gezeigten Leistungen wirklich als sportlichen Verlust für diese Mannschaft werten muss.

Im Dossier des DFB wird sicher etwas davon stehen, dass die Mannschaft ins Endspiel nach Wien möchte - doch das dies bereits am 16. Juni stattfindet, damit hätte wohl kaum jemand gerechnet im deutschen Team. "Wir dürfen da nicht zu lange nachdenken", sagte Metzelder. "Wir dürfen jetzt ein bisschen zweifeln, aber von morgen an müssen wir das vergessen haben." Und an die Spiele am kommenden Montag denken.

Nach dem späten Ausgleich der Österreicher gegen Polen tut sich nämlich eine interessante Konstellation auf in dieser Gruppe B. Neben den bereits qualifizierten Kroaten hat noch jede Mannschaften die Möglichkeit, das Viertelfinale zu erreichen - oder zu scheitern. Das Elfmetertor des Österreichers Vastic sorgt dafür, dass die deutsche Elf bei einem Unentschieden definitiv im Viertelfinale steht. Es wird ein schweres Spiel für die deutsche Mannschaft, die einsehen musste, dass es doch ganz leicht sein kann, sie zu besiegen. Schließlich haben auch andere Trainer Dossiers mit den Stärken ihrer Gegner. Und die Kroaten haben gezeigt, wie man die der deutschen Elf ausnutzt - mit aggressivem Spiel im Mittelfeld, Temporeduzierung beim Spielaufbau und Ausnutzen der wenigen Chancen. Dazu ist auch die österreichische Elf in der Lage.

Die deutsche Mannschaft muss am Montag zeigen, dass sie aus dieser Niederlage gelernt hat und dass die Leistung gegen Kroatien kein Zeichen von Schwäche, sondern ein einmaliger Ausrutscher war. Sollte das nämlich nicht passieren, dann droht ein Ende der "Bergtour" noch bevor sie richtig begonnen hat.

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(sueddeutsche.de/pes)