Krise in Bremen und Hamburg Verglühende Nordlichter

Riesenenttäuschung bei Werder Bremen, hier Eljero Elia.

(Foto: dpa)

Früher waren Werder Bremen und der Hamburger SV große Nummern, mittlerweile sind selbst Freiburg, Mainz und Hoffenheim vorbeigezogen. In Selbstgefälligkeit haben beide Klubs abgewirtschaftet - einer von ihnen wird am kommenden Wochenende ganz unten aufschlagen.

Ein Kommentar von Ralf Wiegand

Ein Blick zurück hilft ja manchmal, die Dinge besser zu verstehen. Und was waren das für tolle Tage, damals, zwischen dem 22. April und dem 10. Mai 2009. Viermal trafen der Hamburger SV und Werder Bremen in dieser Zeit aufeinander, und ganz Deutschland reckte die Hälse, um den besten Blick auf das Spektakel dort oben im Norden zu bekommen.

Uefa-Cup-Halbfinale, DFB-Pokal-Halbfinale, ein Spiel um die Geldtöpfe der Bundesliga noch dazu. Die Feuilletons der großen Blätter beschrieben das spezielle Verhältnis dieser beiden Städte, feierten die Renaissance der Hanse, das Hoch im Norden. Es wurde Sportgeschichte geschrieben. Werder und der HSV - Mann, Leute, da dürft Ihr keine Sekunde verpassen!

Am kommenden Samstag treffen sich die beiden wieder, 52 Monate sind seitdem vergangen, in denen sich alles verändert hat. Es geht nicht mehr darum, wer dieses Spiel gewinnt. Die Partie ähnelt eher einem Experiment, wie es Physiker in einem Fallturm machen: Was kommt wohl eher unten an, der dicke HSV oder das schmale Werder? Bremen und Hamburg anno 2013 - Mann, Leute, tut Euch das nicht an, nehmt Euch lieber was Schönes vor!

Die Frage ist, wie es dazu kommen konnte, dass die beiden stolzen Klubs, trotz Dortmund, Leverkusen oder Schalke noch immer Zweiter und Dritter der ewigen Bundesliga-Tabelle, derart abgewirtschaftet haben - und die Antwort darauf hat gerade Matthias Sammer gegeben. Ja, Sammer, der Bayern-Grantler, der nach einem sicher gewonnenen Spiel vor Selbstgefälligkeit warnt, weil er weiß, dass Erfolg nicht bleibt, nur weil er einmal da ist.

Werder und der HSV hatten so einen Sammer nicht, sie haben einfach immer so weitergemacht. Sie haben ihre eingeübte Transferpolitik fortgesetzt, obwohl sich die Märkte um sie herum veränderten, sie haben ihre Jugendarbeit vernachlässigt, während andere Klubs ihre Stars längst selbst zu entwickeln begannen, Dortmund oder Schalke etwa, aber auch Freiburg, Mainz und Hoffenheim. Und sie haben sich lange den innovativen Trainern der Liga verweigert, die jetzt in Berlin oder Gladbach und sogar in Augsburg erfolgreich sind.

Im Prinzip sind alle Klubs mindestens in einer Disziplin, die im Fußball zum Erfolg führen kann, an den beiden verglühenden Nordlichtern vorbeigezogen. Das macht die Sache so hoffnungslos: Wo soll man anfangen bei einem derart umfangreichen Reformstau? Der HSV steht schon am Abgrund, Werder scheint bereits einen Schritt weiter zu sein. Am Samstag wird einer von beiden ganz unten aufschlagen, gleich neben Eintracht Braunschweig - noch so einer trüben Nordlicht-Funzel.