Also nehmen sie zürnend Anteil am Schicksal der deutschen Springer und dirigieren damit ihr eigenes Theater neben den Schanzen. Vor zwei Wochen schon hat sich Weißflog im Focus mit dem Klassiker aller Expertenmeinungen eingebracht, Tenor: Es gibt keine echten Kerle mehr. Wörtlich: ,,Ich lebte so gut, wie ich sprang. Heute leben manche besser als sie springen.'' Thoma hingegen befasste sich in der Welt mit Rohwein: ,,Er ist nicht so schlecht, wie er rüberkommt. Möglicherweise nur der falsche Trainer zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich habe das Gefühl, dass er das Negative von außen zu sehr aufsaugt (...) Er läuft mit einem Gesicht herum wie die Springer, wenn sie nichts erreicht haben. Vielleicht kann er sie deshalb nicht so motivieren.'' Und: ,,Den größten Fehler hat der Deutsche Ski-Verband gemacht, dass er nach dem vergangenen Jahr nicht mit Mika Kojonkoski verhandelt hat.'' Der finnische Trainer hat die Norweger aus einer tiefen Krise gerettet.

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Nun sind die Referenzen der beiden erstklassig: Weißflog, 42, aktiv bis 1996, war dreimal Olympiasieger, zweimal Weltmeister, viermal Tournee-Gewinner, und Thoma, 37, aktiv bis 1999, hat ebenfalls fast alles gewonnen, was sein Sport so hergibt. Ihre Kritik, die sich auch darauf bezieht, dass die Deutschen sich von technischen Entwicklungen haben überholen lassen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Und die Tatsache, dass frühere Meister Übertragungen mit ihrem Fachverstand bereichern, ist gute Fernsehtradition. Aber das ändert nichts daran, dass die Meinungen von Weißflog und Thoma für Rohwein Stress bedeuten, zumal wenn sie derart zugespitzt ans Massenpublikum geraten wie zuletzt.

Die Idee mit dem Beratervertrag wäre deswegen vielleicht gar nicht so schlecht, schon vor Jahren hat der Deutsche Ski-Verband mal ein - letztlich wirkungsloses - Beratergremium mit ehemaligen Größen gebildet, um sie als überkritische TV-Weise zum Schweigen zu bringen. Aber zu viel Mitsprache will Rohwein auch nicht, es geht ihm darum, den Experten das Verständnis abzuringen, das er von früheren Springern eher erwartet als von Journalisten.

Denn zwischen Journalisten und Experten, findet Rohwein, ,,ist ein riesengroßer Unterschied. Die Experten haben ja das Handwerk Journalist in keinster Weise gelernt''. Und wenn die Experten schon keine professionellen Schlagzeilen-Hersteller sind, so darf man Rohwein wohl verstehen, dann sollen sie wenigstens mit angemessener Milde der Sache dienen. Erst recht, wenn sie Hintergrund-Informationen wünschen.

Als neutraler Journalist muss man in der Tat ein bisschen Abstand halten von solch vereinnahmenden Hintergrundgesprächen. Und die Experten? Die entscheiden das für sich selbst als Betreiber ihres eigenen kleinen Geschäfts inmitten des modernen Skisprung-Business.

"Alles stark gepusht"

Gerd Siegmund zum Beispiel, der nicht nur ein ehemaliger Weltcup-Springer ist, sondern auch Experte beim Spartensender Eurosport sowie Manager der Nationalspringer Michael Uhrmann, Stephan Hocke und Jörg Ritzerfeld, ist wohl das, was Rohwein einen guten Experten nennen würde.

Er pflegt eine gemäßigte Tonart und sagt: ,,Natürlich setzen wir uns ein für die Sportart, alle.'' Dieter Thoma wiederum scheint nach der Diskussion mit Rohwein zu überlegen, wie er ein besserer Experte im Sinne des Skispringens werden kann. Er sei etwas zerknirscht wegen der jüngsten Veröffentlichungen, heißt es aus seinem Umfeld. Er selbst macht erstmal Interview-Pause,.

Und Jens Weißflog hat wohl am wenigsten dagegen, bei Rohwein als böser Experte zu gelten. ,,Alles stark gepusht'', sagt er zur aktuellen Debatte. Gegen ein Gespräch mit Rohwein hat er nichts, allerdings: ,,Ich weiß nicht, welche Vorstellungen er hat. Inwieweit wir uns im Sinne der Sportart positiv äußern könnten bei nicht so guten Platzierungen.'' Intern zu kritisieren, findet er auch nicht leicht in seinem Job. Denn: ,,Dann müsste ich aufhören beim ZDF'', sagt er. Jens Weißflog klingt fast wie ein Journalist. Und zwar wie ein guter.

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  1. Guter Experte, böser Experte
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(SZ vom 20.12.2006)