Schmeling, Brewster, Krasniqi - Hamburg sieht einen reichlich überladenen Boxkampf.
Irgendwann hat Luan Krasniqi, 34, genug von Max Schmeling. "Ich kann nicht in seine Fußstapfen treten", sagt er plötzlich auf eine dieser immer gleichen Fragen nach Parallelen zum großen Max, und sein Körper nimmt fast die Abwehrhaltung eines Boxers ein.
(© Foto: Reuters)
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"Ich muss erst mal Weltmeister und 99 Jahre alt werden, dann können wir wieder darüber sprechen." Dass der Geist des am 2. Februar gestorbenen Idols der Deutschen über seinem WM-Kampf am Mittwoch in der Hamburger ColorLine-Arena gegen den amerikanischen Titelverteidiger Lamon Brewster, 32, schwebt wie eine alles überwabernde Wolke, dafür kann Luan Krasniqi nichts.
Es war nicht seine Idee, dass er ausgerechnet am 28. September 2005, dem 100. Geburtstag Schmelings, als erster Deutscher die Chance erhielt, nach Schmelings gut 69 Jahre altem Triumph über Joe Louis wieder die WM-Krone im Schwergewicht zu gewinnen. Sein Promoter Klaus-Peter Kohl widmete diesen Abend dem Helden der Geschichte.
Kampf zweier Welten
Manche, wie etwa Henry Maske, haben das als wohlfeilen PR-Gag verstanden, was Kohl weit von sich weist. Schließlich habe sich die Konstellation erst ergeben, nachdem er die Hommage an Schmeling plante. Und dass Krasniqi selbst seit einem persönlichen Treffen vor drei Jahren zu Schmelings größten Bewunderern zählt, weil er für ihn "als Mensch in jeglicher Beziehung Weltmeister war", das sei, nun ja, eine weitere glückliche Fügung.
Oder, um es in Krasniqis zuweilen blumiger Sprache zu sagen: "Da müssen viele Engel dasein, um so etwas zustande zu bringen." Krasniqi selbst wird wohl weitere Engel brauchen, damit ihn, den gebürtigen Kosovo-Albaner aus dem schwäbischen Rottweil, diese mächtig überladende Situation nicht umhaut.
Zumal es sich bei dem Duell mit Brewster auch um den Kampf zweier Welten handelt. Gut zu beobachten war das beim Auftritt der Duellanten in einem Hotel.
Vollbart gegen akkurat rasiert
Zwar gab sich Brewster als höflicher Gast, der Hamburg, das Essen und die Deutschen lobte. Ansonsten aber fehlte keine dieser Drohgebärden, wie sie die boxenden Aufsteiger des schwarzen Amerika gern zelebrieren.
Die Augen hatte der Mann, der sich "Der Unbarmherzige" nennt, hinter einer schwarzen Sonnenbrille versteckt, die Haare unter einer schwarzen Mütze, die Hände in schwarzen Handschuhen und das Gesicht hinter einem schwarzen Vollbart. Das gab ihm ein martialisches Aussehen, seine Bodyguards wirkten fast noch Furcht erregender.
Und dann fiel dieser Satz, der keinen Zweifel lassen sollte an der Entschlossenheit Brewsters, der zwar kein begnadeter Boxer ist, dafür vielleicht der härteste Puncher seiner Zunft, was im Vorjahr Wladimir Klitschko erfahren musste. "Es geht mir nicht so sehr um den Titel", sagte Brewster also. "Es geht mir um mehr: meine Kinder, meine Frau, meine Familie, meinen Lebensstandard." Dann fragte er: "Was würden Sie tun, wenn jemand in Ihr Haus eindringt? Würden Sie es nicht auch verteidigen?"
Luan Krasniqi kann mit solchen Sätzen wenig anfangen. Er ist akkurat rasiert und redet so akzentuiert, als habe er eine Schauspielschule besucht. "Es geht um Sport und sonst nichts", sagt er und fügt an, er habe ja "etwas gelernt und auch ein bisschen was verdient".
"Schluss, ich kann nicht mehr, ich habe genug."
Krasniqi hat Abitur, spricht sieben Sprachen, und mit der weniger feinen Gesellschaft hatte er hauptsächlich zu tun, wenn er als Dolmetscher vor Gericht die Aussagen albanischer Autodiebe übersetzte und ihnen manchmal zuraunte, sie sollten es doch endlich zugeben, dann falle die Strafe geringer aus.
Für Krasniqi ist Boxen kein Überlebenskampf. Und nicht alle in Brewsters Lager haben ihre Geringschätzung für diese Haltung des vermeintlich "satten" Gegners so vornehm umschrieben wie Trainer Jesse Reid: "Es ist leicht, ein guter Boxer zu sein, aber nicht leicht, ein guter Fighter zu sein."
Zu verdanken hat Krasniqi die Skepsis noch immer jener Geschichte vom 20. Juli 2002. Damals hatte er als amtierender Europameister in Dortmund den Polen Przemyslaw Saleta lange beherrscht. Vor der neunten Runde aber keuchte er seinem ungläubigen Trainer Michael Timm entgegen: "Schluss, ich kann nicht mehr, ich habe genug." Der maßlos enttäuschte Timm wandte sich ab, neuer Coach ist jetzt Torsten Schmitz. Dabei hatte Krasniqi nur in seinen Körper gehorcht und die Konsequenz gezogen. Damals ist er zum Außenseiter geworden in einer Branche, in der man Schwächen nicht zeigen darf.
Dabei erzählt auch diese Episode nicht alles über Luan Krasniqi. Zum Beispiel, wie sehr in ihm ein Vulkan brodelt, den auch seine ausgeprägte Vernunft nicht immer vor dem Ausbruch bewahren kann. Oder wie sehr es ihn nach Anerkennung dürstet in dem Land, das seit dem 16. Lebensjahr seine Heimat ist. "Für diesen Titel werde ich durch die Hölle gehen", hat Luan Krasniqi in dieser Woche gesagt.
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