Korruptionsvorwürfe gegen Katar 2022 Geschäfte auf höchster Ebene

Gemeinsam im Jahr 2005: Fifa-Boss Sepp Blatter und der damalige Chef des deutschen WM-Organisationskomitees Franz Beckenbauer.

(Foto: AP)

Enthüllungen zur Vergabe der WM 2022 zeigen, wie intensiv katarische Vertreter Wahlmänner umgarnten, um den Zuschlag zu bekommen. Auch ein Trip von Franz Beckenbauer wirft Fragen auf. Die Sponsoren erhöhen den Druck auf den Verband, die Vorwürfe aufzuklären.

Von Thomas Kistner, Rio de Janeiro

Eine Flut anrüchiger Deals und Businessanbahnungen ergießt sich aus dem elektronischen Geschäftsverkehr, den die Sunday Times aus dem Umfeld das ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Mohamed Bin Hammam erhalten hat. Die am Wochenende publizierten Dokumente torpedieren nun auch Katars bisherige Verteidigungslinie, nach der Bin Hammams Umtriebe und Millionenzahlungen nichts mit der WM-Bewerbung 2022 des Emirats zu tun, sondern allein dessen damaliger Präsidentschaftskampagne gedient hätten.

Während die Belege gegen den WM-Veranstalter 2022 immer deutlicher werden, weisen Kreise um die bei jener Fifa-Kür früh gescheiterte England-Bewerbung darauf hin, dass Katar gar nicht juristisch vorgehen könne gegen einen etwaigen Turnier-Entzug: Alle Bewerber seinerzeit hätten sich in den branchenintern als "Knebelverträge" kritisierten Vereinbarungen mit der Fifa verpflichtet, keine Streitigkeiten vor Gericht auszutragen.

Nun hat der japanische Elektrohersteller Sony, einer der fünf Fifa-Topsponsoren, den Weltverband aufgefordert, eine "angemessene Untersuchung" der Vorwürfe zu gewährleisten. Auch Japan hatte sich für 2022 beworben. Sonys Vorstoß ist aber gerade im Werbefeld mit dem Sport höchst ungewöhnlich: Hier wird Geschäftsethik in der Regel nur dann mit Nachdruck propagiert, wenn eine Krise die Konsumenten erreicht hat.

Daneben schürt Sony damit Zweifel an der Arbeit des Fifa-Chefermittlers Michael Garcia, der die WM-Vergaben 2018 (an Russland) und 2022 im Auftrag der Fifa untersucht. Als der US-Anwalt kürzlich die Fertigstellung seines Bericht ankündigte, erklärte er, dass er das Sunday-Times-Material nicht berücksichtigt habe. Als Reaktion auf Sony meldeten sich auch andere Sponsoren zu Wort.

Adidas teilte mit, man sei zuversichtlich, dass diese Untersuchung mit hoher Priorität behandelt werde, "allerdings ist der negative Tenor der öffentlichen Debatte weder gut für die Marke des Fußballs, noch für die Fifa, noch die Partner". Visa erklärte: "Wir wissen, dass die Fifa das Thema ernst nimmt. Wir hoffen, dass entsprechende Maßnahmen nach dem Untersuchungsbericht stattfinden."

Auch Beckenbauers Name fällt

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Die Papiere zeigen jedenfalls eindeutig, wie Bin Hammam seine Drähte in der Fifa sowie zur Emir-Familie und der Regierung in Doha nutzte, um Katar die WM zu sichern. Mit Wladimir Putin, dem zweiten Gewinner der damals von Blatter verfügten WM-Doppelvergabe, traf sich Bin Hammam vor der Kür für "bilaterale Gespräche". Auf Regierungsebene in Bangkok stellte er für Thailands Fifa-Mann Morawi Makudi Gespräche um Gasimporte aus Katar her.

Makudi, der seit Jahrzehnten eine trübe Rolle im Fußballbusiness spielt, ließ wissen, er habe nie eine Handelskonzession erhalten. Insgesamt neun Fifa-Vorständen, darunter Blatter, habe Bin Hammam Treffen mit der Königsfamilie verschafft; im Schweizer Uefa-Hauptquartier in Nyon habe er die Katar-Werber mit Michel Platini zusammengespannt. Medien hatten Blatter nach dem Treff damals so zitiert: "Die arabische Welt hat die WM verdient."

Zudem lud Bin Hammam auch Franz Beckenbauer, deutscher Vertreter im 24-köpfigen Fifa-Vorstand, wohl wiederholt ein. So Monate nach der WM-Kür, gemeinsam mit Firmenvertretern des Hamburger Reeders Erck Rickmers, die Beckenbauer damals beriet. Das Unternehmen teilte mit, es sei dabei um mögliche Investitionen Katars ins maritime Geschäft gegangen, ein Abschluss aber nicht zustande gekommen.

Beckenbauer war aber auch schon Ende Oktober 2009, 14 Monate vor der WM-Vergabe, gemeinsam mit dem Sportlobbyisten Fedor Radmann zu Bin Hammam nach Doha gereist. Der Fifa-Vize habe das deutsche Duo im Luxushotel umsorgt und ein Treffen mit dem Emir vermittelt. Pikant: Radmann stand zu der Zeit als Berater in Diensten Australiens, das mit Doha um die WM konkurrierte.

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