Korruption beim Welt-Fußballverband Druck aus der Ringe-Zentrale

Während Sepp Blatter versucht, mit saloppen Sprüchen die Schmiergeldaffäre auszusitzen, kündigt das IOC an, sich mit der Rolle des Schweizers zu beschäftigen. Der Fifa-Boss bleibt weiter bei seiner eigenen Logik: Er könne nicht von einem Delikt gewusst haben, welches keines war. Die Kritik kommt von allen Seiten.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Es war eine fünfköpfige Runde, die sich im September 2009 auf Einladung der Staatsanwaltschaft Zug zusammengefunden hatte. Vertreter der Schweizer Justiz waren dabei, der Anwalt des Weltfußballverbandes Fifa und auch der Mann, der in den Akten unter P1 firmiert - jenem nach Agententhriller klingenden Kürzel, hinter dem sich Fifa-Chef Sepp Blatter verbirgt, wie dieser am Donnerstag selbst zugab. Die Staatsanwaltschaft berichtete von ihrem Kenntnisstand in der Schmiergeldaffäre rund um den Rechtevermarkter ISL, über die Zahlungen an die früheren Spitzenfunktionäre João Havelange sowie Ricardo Teixeira und sprach auch von einer möglichen Einstellung des Verfahrens nach Paragraf 53 des Strafgesetzbuches.

Das Entscheidende an diesem Paragrafen 53: Er setzt voraus, dass der objektive Tatbestand unstrittig auch für die Beschuldigten ist. Indem sich also ein paar Monate nach dieser Informationsrunde, im Mai 2010, die Fifa und ihre beiden brasilianischen Ex-Funktionäre mit der Staatsanwaltschaft gegen die Zahlung von 5,5 Millionen Schweizer Franken auf eine Einstellung nach Paragraf 53 einigten, hatten sie auch eingestanden, dass sie die Vorwürfe gegen sich akzeptieren.

Doch wenn sich Sepp Blatter nun, nach der von Medien erzwungenen Veröffentlichung des ISL-Papiers, dazu äußert, klingt das immer noch ganz harmlos. Ja, er habe von Zahlungen gewusst, aber "solche Provisionen konnte man damals sogar von der Steuer absetzen. Heute wären sie strafbar." Er könne nicht von einem Delikt gewusst haben, das keines war. Aber das, was er dreist Provisionen nennt, heißt in den Dokumenten Schmiergeld. Ist vorstellbar, dass etwa der Chef eines großen Unternehmens Kenntnis von Zahlungen einräumt, die von der Staatsanwaltschaft als Schmiergelder bezeichnet werden, ohne dass er daraus persönliche Konsequenzen zieht?

Irritiert verfolgt die Öffentlichkeit, mit welch saloppen Sprüchen der Schweizer die Affäre auszusitzen versucht - zumal am Dienstag eine von ihm einberufene Kommission unter Mark Pieth dem Fifa-Vorstand Vorschläge für eine neue, in zwei Kammern aufgeteilte Ethik-Kommission unterbreiten wird. Die Erkenntnisse aus der Einstellungsverfügung bringen auch den Basler Compliance-Experten unter Druck, der bisher eine Reform des Verbandes mit dem Mann an der Spitze versuchte, der hauptverantwortlich ist für die Affären-Dichte. Und das wohl nicht nur aus sportpolitischer Sicht - die Frage, wer für den im Zuger Papier beschriebenen "Organisationsmangel" zuständig ist, gehört dringend geklärt. Der Mangel machte die Fifa zur Beschuldigten in einem Strafverfahren und erleichterte sie um 2,5 Millionen Schweizer Franken, die im Einstellungsverfahren als Wiedergutmachung zu zahlen waren. Doch Pieth bleibt in Deckung: Ihm falle an der Fifa-Spitze im Moment keine Alternative zu Blatter ein, sagte er am Freitag der dapd. Jedoch sei niemand unersetzbar - "und manchmal frisst die Reform ihre Kinder".

Reformer Pieth kommt jetzt noch von anderer Seite unter Druck, ebenso Blatter selbst. Der Fifa-Boss sitzt ja auch im Internationalen Olympischen Komitee. Auf SZ-Anfrage, ob Blatter ein Fall für die Ethik-Kommission des IOC sei, teilte die Ringe-Zentrale am Freitag mit: "In erster Instanz ist diese Angelegenheit von der Fifa zu behandeln. Wir werden die Schritte beobachten, die sie unternimmt." Blatter ist im Visier des IOC, das sich schon vorbereitet: "Wir müssen uns mit den Dokumenten vertraut machen." Das IOC sanktionierte erst kürzlich zwei Mitglieder - den afrikanischen Fußballchef Issa Hayatou und den Leichtathletik-Weltverbandschef Lamine Diack - für deren Verwicklung in den ISL-Komplex. Havelange sollte sogar suspendiert werden, als er das erfuhr, legte er eilig die IOC-Mitgliedschaft nieder.

Havelange ist aber weiter Fifa-Ehrenpräsident. Trotz vieler Forderungen, diesen Titel abzuerkennen, erklärte Blatter, es liege nicht in seiner Kompetenz, den Vorgänger zur Rechenschaft zu ziehen, das könne nur der Fifa-Kongress. So könnten die neuen Fakten für Havelange ebenso wenig Konsequenzen haben wie für seinen Ex-Schwiegersohn Teixeira. Der kassiert weiter Geld von Brasiliens Verband.

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