Korruption beim Fußball-Weltverband Fifa fordert Millionen-Schadenersatz von Ex-Funktionären

Will durchgreifen: Der neue Fifa-Boss Gianni Infantino.

(Foto: REUTERS)
  • Die Fifa verschickt Millionen-Forderungen an zahlreiche Ex-Funktionäre.
  • Der Verband will fast 30 Millionen Dollar.
  • Für die Fifa ist es wichtig, ihren juristischen Status als Opfer zu bewahren
Von Johannes Aumüller

Der Fußball-Weltverband versucht, bei der Aufarbeitung seines großen Korruptionsskandals in die Offensive zu gehen. Wie die Fifa am Mittwochmittag mitteilte, verlangt sie von früheren Funktionären wie Jack Warner und Chuck Blazer sowie von Managern aus dem Fußballgeschäft Schadenersatz in Höhe von insgesamt mehreren Dutzend Millionen Dollar.

Ein entsprechendes Schreiben verschickte der Weltverband an US-Behörden. Die hatten im vergangenen Mai eine umfangreiche Anklageschrift wegen zahlreicher Bestechungs- und Schmiergeldfälle im Kontext von Fußball-Aktivitäten vorgelegt. Die Forderungen des Weltverbandes richten sich bisher nur gegen Personen, die auch in dieser Anklageschrift genannt werden. Daher fehlen die Namen der suspendierten Ex-Topfunktioniere Sepp Blatter und Michel Platini auf der Liste.

Einen vergleichbaren Schritt hat es in der Fifa-Geschichte nicht gegeben. Der Weltverband betont in seinem Schreiben immer wieder, dass ihm die Personen einen großen Schaden zugefügt hätten. Der Schaden beziehe sich nicht nur auf konkrete finanziellen Verluste, sondern auch auf die Reputation der Marke Fifa und den negativen Einfluss auf ihre Geschäftsbeziehungen. "Das Geld, das sie eingesteckt haben, gehörte dem globalen Fußball und war für die Entwicklung und Förderung des Spiels bestimmt", sagte der kürzlich zum neuen Fifa-Chef gewählte Gianni Infantino: "Die Fifa will das Geld zurück."

Der neue Fifa-Präsident ist Blatter light

Gianni Infantino verspricht einen Neuanfang, aber er hat viel gemeinsames Wurzelwerk mit seinem Vorgänger Sepp Blatter. Kommentar von Thomas Kistner mehr ...

Ist die Fifa Opfer oder Täter?

Es ist für die Föderation aber auch unausweichlich, diesen Schritt zu gehen. Denn die Fifa kämpft permanent darum, dass die US-Ermittler ihr weiterhin einen Opferstatus zuerkennen. Sollte die Fifa irgendwann nicht mehr als Opfer gelten, sondern gemäß des Anti-Mafia-Gesetzes namens "Rico" als Mittäterin in einer Verschwörung, wäre dies das Ende des Weltverbandes.

Indem die Fifa nun ihre Rückzahlungsforderungen auf Basis der Anklageschrift erhebt, schließt sie sich weitestgehend den Wertungen der US-Ermittler an. Das ist in mehrerlei Hinsicht von großer Brisanz. Zum einen setzt es den Takt für weitere, laufende oder noch ausstehende Ermittlungsverfahren. Auch in den juristischen Untersuchungen gegen das ehemalige Führungsduo, Präsident Sepp Blatter und Generalsekretär Jérôme Valcke, geht es um Millionenbeträge.

Zum anderen geht es in der vorliegenden Klageschrift, neben Bestechungsvorgängen rund um TV- und Marketingrechte in Lateinamerika auch um eine Zahlung von zehn Millionen Dollar im Kontext einer WM-Vergabe. Diese Summe wurde kurz vor der WM 2010 von Gastgeber Südafrika über die Fifa auf Konten überwiesen, die Jack Warner kontrollierte. Begründung: finanzielle Unterstützung der "afrikanischen Diaspora" in der Karibik.

Die US-Ermittler verweisen hingegen auf Belege, dass auf diese Weise nachträglich Schmiergeld geflossen sei - als Dankeschön dafür, dass Warner, Blazer und ein dritter Fifa-Wahlmann bei der Abstimmung für Südafrika votiert hätten. Dieser Einschätzung ist die Fifa nun praktisch gefolgt. Eine Mitverantwortung der damaligen hauptamtlichen Fifa-Spitze, die das Geld weiterleitete, wird jedoch geleugnet. Warner & Co. hätten bezüglich des wahren Hintergrundes der Zahlung gelogen; sie hätten fundamentale Pflichten gegenüber der Fifa, dem karibischen Verband und dem Nord-/Mittelamerikaverband Concacaf verletzt und "zehn Millionen Dollar gestohlen".

Mindestens 28 224 687 Dollar Schadenersatz

Mit diesem rigiden Vorgehen setzt die Fifa aber auch den Maßstab für die Ergebnisse anderer Ermittlungen. Neben den amerikanischen Behörden beschäftigt sich unter anderem die Schweizer Bundesanwaltschaft mit dem Korruptionssumpf bei der Fifa. Es geht ihnen zum Beispiel um die Vergabe der WM 2018 nach Russland beziehungsweise 2022 nach Katar. Ermittelt wird auch gegen Sepp Blatter wegen des Verdachts der "ungetreuen Geschäftsbesorgung": Hintergrund sind die Vergabe von TV-Rechten an Jack Warner zu einem sehr günstigen Preis und eine merkwürdige Zahlung über zwei Millionen Franken an den damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini Anfang 2011.

Infantino - der nächste Schweizer führt die Fifa

Der Fußball-Weltverband wählt Gianni Infantino zum Blatter-Nachfolger. Er hatte sich mit einem Klassiker der Überzeugungsrede beworben, Thema: mehr Geld. Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner mehr ...

Die Fifa verweist in ihrer Klageschrift darauf, dass nach aktuellem Stand mindestens 28 224 687 Dollar an Schadenersatz fällig seien, das ganze Ausmaß aber noch nicht bekannt sei. Hinzu kämen Anwalts- und Gerichtskosten, die sich gleichfalls in astronomischer Höhe bewegen dürften.

Betroffene Personen und geforderte Summen (über eine Million Dollar):

Charles Blazer: 5 374 148 Dollar

Rafael Salguero: 5 134 980 Dollar

Jack Warner: 4 462 263 Dollar

Ricardo Teixeira: 3 514 025 Dollar

Nicolás Leoz: 3 254 886 Dollar

Jeffrey Webb: 2 016 205 Dollar

Marco Polo Del Nero: 1 673 171 Dollar

Eugenio Figueredo: 1 011 018 Dollar