Korruption bei der Uefa Gefährliche Zeichen aus Zypern

Wer's glaubt, dem wird schwindelig: Schwere Korruptionsvorwürfe um die EM-Vergabe an die Ukraine und Polen haben Europas Fußball erschüttert, und die Uefa hat sie nie überzeugend aufgeklärt. Fraglich bleibt vor allem, warum der Verband sich nicht für die Zeugen einer vermeintlichen Bestechung interessiert hat.

Von Thomas Kistner

Was diese Europameisterschaft auch ist: ein Mirakel, ein ungeklärtes. Am 18. April 2007 vergab in Cardiff der zwölfköpfige Vorstand der Europäischen Fußball-Union (Uefa) das EM-Turnier 2012, neben dem Favoriten Italien standen zwei Doppelbewerbungen im Ring. Als Außenseiter galten Kroatien/Ungarn, Polen und die Ukraine wurden schon im Prüfbericht als "inadäquat" abgetan.

Dann wurde abgestimmt - und der Streichkandidat boxte Italien mit 8:4 Stimmen raus, Kroatien/Ungarn ging leer aus. "Ich weiß nicht, was in den letzten 48 Stunden passiert ist", grübelte Kroatiens Verbandschef Vlatko Markovic. Tja, was ist passiert in Cardiff, in jener turbulenten Zeit?

Wochen vor dem Erdrutschsieg des Außenseiters hatte Michel Platini dem Schweden Lennart Johansson den Uefa-Thron entrissen, beim 27:23-Sieg zählte jede Stimme. Osteuropas Vertreter hatten ganz überwiegend Platini gewählt.

Zwei Jahre gingen ins Land. Dann kündigte ein Funktionär die Aufklärung des Mysteriums von Cardiff an. Spyros Marangos, lange Vorstandsmitglied im Verband von Zypern, berichtete der Uefa von Zeugen, die dabei gewesen seien, als ein Uefa-Vorstandsmitglied bei einem Anwalt in Limassol rund elf Millionen Euro Schmiergeld an vier Kollegen verteilt hätte. Ein unerhörter Vorwurf - zumal Marangos' Anwalt alles bestätigte. Der ebenfalls in Limassol ansässige Advokat Neoclis Neocleous sagte im Oktober 2010, diese Zeugen hätten dabei "technische Dinge" abgewickelt.

Zunächst war Whistleblower Marangos den Dienstweg gegangen. Seit Mai 2009 suchte er diskret Kontakt zur Spitze um Platini. Erst nach vielen Monaten drang er zu Generalsekretär Gianni Infantino vor. Der erbat Material zu diesen "ernsten Vorwürfen". Aber Marangos wollte die Zeugenberichte nicht einfach aushändigen, er wollte die Zeugen schützen und daher nicht einfach "Dokumente oder Beweise" ausgerechnet an Leute geben, die dadurch schwer belastet würden. Monate vergingen.

Dann vereinbarte Uefa-Disziplinarchef Peter Limacher ein Treffen: Am 24. August 2010 soll Marangos in Genf sein, Flug und Hotel waren gebucht. Am 20. August aber stornierte Limacher den Termin: "Auf Wunsch meiner Vorgesetzten muss ich unser Treffen absagen. Falls Sie Ihr Flugticket gebucht haben, übernehmen wir die Stornogebühr. Wir würden es begrüßen, wenn wir einen Vorbericht oder ein Dokument erhalten könnten." Bis heute rätselt Limacher, warum er rigoros gestoppt wurde - zumal schon alles vorbereitet war.

Marangos war geschockt. Er schrieb, er übernehme die 910 Euro für sein Ticket selber. Im Oktober machte er die Sache publik. Er offenbarte den Schriftverkehr mit der Uefa und behauptete, er habe Zeugen für einen Kauf des EM-Turniers. Anwalt Neocleous assistierte. Bei den Beschuldigten soll es sich um Uefa-Vorstände handeln, der als Drahtzieher bezichtigte Funktionär verfüge über eine besonders schillernde Fußball-Vita.

Ist Marangos ein Irrer? Erzählte ein über 70-Jähriger eine Lügengeschichte, die er nie hätte belegen können - und die ihn wirtschaftlich ruiniert hätte? Spielt dabei ein Anwalt einfach so mit und verbreitet brisanteste Lügen in alle Welt?

Europa war in Aufruhr. Parlamentarier von Rumänien, Ungarn bis Italien wurden aktiv, Journalisten fielen in Zypern ein, ein Pressetermin jagte den nächsten. Die Uefa-Spitze blieb stur. Statt wie bei jedem beliebigen Wettspielverdacht einen Inspektor zu Marangos zu schicken, tat sie offenkundig weiter alles, um die Papiere nicht in ihre Hände zu kriegen - dazu durfte es keinen direkten Kontakt mit dem Anzeiger geben. Marangos wurde weiter aufgefordert, "vorab Beweiselemente" zu schicken. Marangos wiederum rief die Uefa nach Zypern - er selbst wäre zuvor ja nachweislich nach Genf gekommen. Die Uefa schickte niemanden.

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