Kongress in Berlin Die Fans reden, bis sie gehört werden

Fanproteste gegen die Polizei, diesmal im Schalker Stadion.

Beim Fan-Kongress 2014 sitzen Anhänger teils verfeindeter Klubs an einem Tisch - allein das zeigt, dass die aktiven Stadiongänger gewillt sind, ihre Probleme zu lösen. Wer die sogenannten Ultras nur als Problem-Kids der Nation begreift, der unterschätzt ihre gesellschaftliche Bedeutung.

Ein Kommentar von Boris Herrmann

Wenn in Deutschland über Fußballfans geredet wird, ist meistens von Problemen die Rede. Von Pyrotechnik und Bengalos, von Krawallen und Polizeieinsätzen, von Rechtsextremismus und Homophobie. Nichts davon ist aus der Luft gegriffen. In jeder Kurve gibt es Spinner, in machen Stadion ein paar mehr, in anderen ein paar weniger. Weil die Spinner aber naturgemäß mehr Aufsehen erregen als die Vernünftigen, hat die anonyme Masse der Fußballfans einen Ruf erlangt, der vor allem von Angst und Schrecken kündet.

62 Prozent der Deutschen, die sich Fußball gar nicht oder allenfalls im Fernsehen anschauen, gaben in einer Umfrage an, dass ein Stadionbesuch hierzulande nicht mehr sicher sei. Erstaunlicherweise fühlen sich aber 96 Prozent der Stadiongänger in den hiesigen Arenen wohl behütet. Die Frage, wie groß das Fan-Problem wirklich ist, ist vor allem eine Frage der Perspektive.

Aus der Perspektive der Politik, der Polizei und einiger Funktionäre ist es allemal groß genug, um die Daumenschrauben anzuziehen und die Gesetze zu verschärfen. Es sei in dieser Sache schon viel zu viel geredet worden, sagen die Hardliner. Die organisierten Fans bestreiten gar nicht, dass es viel Gerede gab. Sie bemängeln bloß, dass sie dabei so selten mitreden durften.

Die schönen Seiten der Kurven

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Wenn es zuletzt aber erstzunehmende Impulse zu diesem Thema gab, dann kamen sie von den Fans. Dem Gefühl, wonach keiner mit ihnen redet, begegnen sie inzwischen mit dem Plan, selbst zu reden. Und zwar so lange, bis sie gehört werden. An diesem Wochenende findet auf Einladung der Organisationen "Pro Fans" und "Unsere Kurve" der Fan-Kongress 2014 statt. Etwa 500 Anhänger von fast allen deutschen Profivereinen und einigen Amateurklubs treffen sich in Berlin. Wie schon beim Fan-Kongress vor zwei Jahren werden dabei die Kurvengänger von rivalisierenden und teils verfeindeten Klubs an einem Tisch sitzen, um über Mitbestimmung und Sozialarbeit in den Vereinen, Selbstregulierung auf den Rängen, die Auswüchse der Kommerzialisierung im Sport und über die Beziehungspflege zur Polizei zu diskutieren.

Aktivste Jugendbewegung Deutschlands

Alleine das zeigt, dass die aktiven Stadiongänger nicht nur Probleme schaffen, sondern ernsthaft gewillt sind, welche zu lösen. Neben Politikern, Pädagogen, Kriminologen und Journalisten werden auch der DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig sowie DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock in Berlin erwartet. Alle sind zum Dialog eingeladen, außer Leute mit eindeutig rechtsextremen Symbolen auf der Kleidung.

Wer die organisierten Fans, die sogenannten Ultras, nur als die Problem-Kids der Nation begreift, der unterschätzt ihre gesellschaftliche Bedeutung. In einer Zeit, in der etwa Parteien und Kirchen dramatisch an Anziehungskraft bei jungen Menschen verlieren, bilden die Ultras womöglich die größte politische Jugendbewegung Deutschlands. In jedem Fall sind sie die aktivste. Diese teilweise noch minderjährigen Meinungsmacher der Kurven investieren für ihren Verein oft unzählige Arbeitsstunden, die sich längst nicht nur auf den Besuch von Fußballspielen begrenzen. Während in Berlin der Fan-Kongress stattfindet, wird in Hamburg über die Zukunft des HSV verhandelt - natürlich unter leidenschaftlicher Beteiligung der Fanszene.

Die Ultras sehen sich nicht als Kunden der Vereine, sondern als Teil des Spiels. So wollen sie auch behandelt werden. Erst wenn die Ordnungshüter des Fußballs beginnen, das als Chance zu begreifen, haben die Vernünftigen auch eine Chance gegen die Spinner.