Kommentar Viel Fleiß, wenig Beweis

Der Bericht zur Sommermärchen-Affäre liefert wenig Griffiges zu rechtlichen Fragen. Harte Beweise legt er nicht vor, aber der Report beschreibt eine dichte Indizienkette, die den gesunden Menschenverstand anregt.

Von Thomas Kistner

Der Freshfields-Report ist eine Fundgrube, für Journalisten und wohl auch für Staatsanwälte. Er beschreibt akribisch Vorgänge rund um die Sommermärchen-Affäre, damit lässt sich arbeiten und ermitteln. Die Frage ist nur, ob der Report auch dem Auftraggeber weiterhilft. Was die externen Ermittler für einige Millionen Euro abliefern, ist gut dokumentierte Fleißarbeit. Da wird gesucht und gefragt und aneinandergereiht; es klingen Zweifel und Skepsis an. Wirklich klar bewertet wird nichts. Gutachterliche Hilfe samt Handlungsempfehlung ist nicht zu erkennen; es gibt wenig Griffiges zu zivil-, straf- oder steuerrechtlichen Fragen. Verantwortliche werden kaum benannt.

Auch das führt dazu, dass der öffentliche Widerhall des Reports - es gebe "keinen Beweis für Stimmenkauf" zur WM 2006 - in starkem Widerspruch zur Dichte der Indizien steht. Richtig ist: Letzte harte Belege hat Freshfields nicht gefunden. Aber die Art Beweis, die hier als fehlend insinuiert wird - am besten wohl ein Überweisungsträger mit der Zweckbestimmung für Stimmenkauf Deutschland 2006 - wird sich niemals finden.

Wie definieren die Märchen-Aufklärer Korruption, wenn sie Geschenke und Gefälligkeiten für "korruptionsgeneigte" Fifa-Wahlleute auflisten, die allein Hunderttausende kosten? Wenn klar ist, dass zehn Millionen Franken aus teils öffentlichen Mitteln des WM-OK an eine Schmiergeldstation in Katar flossen - getarnt als Betriebsausgabe, die es nie gab? Wie ist die Teilamnesie der Kernbeteiligten zu bewerten, die sich an nichts Wesentliches erinnern, zugleich profundes Sekundärwissen offenbaren und trotz ihrer vorgeblichen Unkenntnis von den obskuren Geldflüssen eines ausschließen: Korruption ums Sommermärchen?

Der Report schafft es gar, dem mit klarem Motiv unterlegten und von der DFB-Spitze selbst als "korrupt" eingestuften Vertrag der WM-Bewerber mit dem König der Handaufhalter, Jack Warner, Argumente entgegenzuhalten, die, wenn überhaupt, in einer anderen Gewichtsklasse siedeln. Die WM-Bewerber hatten im Wahljahr 2000 aus besten Quellen erfahren, dass sie nur drei statt vier Voten aus Asien haben; dass dies wohl zutraf, wird durch weitere schlüssige Hinweise gestützt. Gleichwohl halten die Prüfer eine Höflichkeitsadresse von 2001 des damals vermutlich ausgescherten Koreaners Chung entgegen, in der er schreibt, er habe Deutschland gewählt. Im selben Brief erbittet Chung etwas. Hätte also ein (von der Fifa gesperrter) Funktionär in einem Bittbrief bekennen sollen: "Übrigens, ich habe euch nicht gewählt?"

Die Gewichtung, die Freshfields und die sehr erleichterte DFB-Interimsspitze treffen, ist schief und realitätsfern. Nach Aktenlage steckt mehr Wahrheit im halblauten Nebensatz der Prüfer: dass Stimmenkauf nicht auszuschließen sei. Nun müssen echte Ermittler von Bern bis Washington verhindern, dass diese Sport-Aufklärung auf branchentypische Art endet: im Sand. Wenn im graurosa Gewölk nationaler Märchennachwehen die Hoffnung den Ton vorgibt, muss die Stimme des Verstandes von außen kommen.