Kommentar Sündenfall beim Eishockey

Am 9. Februar laufen das nord- und südkoreanische Team gemeinsam ins Olympiastadion ein.

(Foto: Getty Images)

Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang fiel eine Nordkoreanerin durch den Dopingtest. Die Folgen: keine. Der Fall fügt sich perfekt ein in den Umgang von IOC und Weltverbänden mit dem Thema: Doping ist nurmehr Politikum.

Von Thomas Kistner

Für manchen Betrachter war es ein herzerwärmender Anblick, als das gesamtkoreanische Team ins Olympiastadion von Pyeongchang einlief; mancher glaubt ja gern, so eine Sportsause habe was mit dem Weltfrieden zu tun. Dabei hatte sich das Internationale Olympische Komitee mit der Nummer nur etwas Luft verschafft in seiner alles erstickenden Dopingdebatte. Weshalb völlig klar war: Es durfte nichts schief gehen mit den teuren Gästen aus Nordkorea, um keinen Preis.

Am wenigsten in Dopingfragen, dort, wo nicht nur der Sport eine nicht mehr zu schließende Flanke hat - sondern auch Nordkoreas Staatssport. Unvergessen ist hierzulande die Dopingaffäre des Frauen-Fußballteams bei der WM 2011: Fünf Nordkoreanerinnen positiv. Dass der Massenbefund von der Teamleitung mit einer Spezialkur nach einem Blitzschlag begründet wurde, der die Damen im Training umgemäht habe, fand nicht einmal der Weltverband Fifa überzeugend. Nordkorea wurde für Jahre gesperrt.

Und jetzt, sieh an, ist also auch bei den Winterspielen eine Nordkoreanerin positiv getestet worden. Die Eishockeyspielerin Kim Un-hyang hatte Hydrochlorothiazid intus. Mit diesem Diuretikum wurden in jüngerer Zeit neun Athleten gesperrt, bei den Sommerspielen 2016 traf es Chinas Schwimmerin Xinyi Chen. Keine Strafe aber gibt es für Frau Kim: Bei ihr sei das verbotene Maskierungsmittel in so geringer Konzentration aufgetreten, dass man annehmen könne, sie habe es nicht absichtlich, sondern per "verunreinigter Nahrung" aufgenommen, trägt der Eishockey-Weltverband IHHF verständnisvoll vor. In sattem Abstand zu den Spielen. Deckel zu, Fall erledigt.

Nordkoreas positiver Test hätte bei den Spielen zur Krise geführt

Das ist ein Witz. Einer, der sich perfekt einfügt in den lachhaften Umgang von IOC und Weltverbänden mit dem Thema, das sie längst nicht mehr ernsthaft bekämpfen, sondern nur noch (medien)politisch steuern: Sportbetrug.

Dass der Rauswurf einer gedopten Nordkoreanerin von diesen Winterspielen zu diplomatischen Verwicklungen geführt hätte, bedarf kaum einer Erwähnung. So einen Eklat, so eine globale Demütigung hätte sich Diktator Kim kaum gefallen lassen, der seine Leute in Pyeongchang so hingebungsvoll in Szene setzen ließ. Und mit den ähnlich gedemütigten Russen, die bei den Spielen ohne nationale Insignien antreten mussten, hätte sich eine knackige Front aufbauen lassen: unter dem im Sport beliebten Aspekt der westlichen Weltverschwörung. Unsinn? Keineswegs, das ist olympische Realpolitik. Und gerade im Spitzensport-Gewerbe gibt es nichts, was undenkbar wäre.

Hydrochlorothiazid ist ein Mittel, das im Körper nicht vorkommt. Und auch nicht, wundern sich nun Pharmakologen, in der Nahrung. Das macht bei einem Diuretikum keinen Sinn, auch stünde dann die globale Nahrungsindustrie vor einem ernsten Problem: Die bisher verbrieften Fälle reichen von Nigeria über Kasachstan, USA, Brasilien bis Australien. Überall verseuchte Nahrung? Kauft Nordkorea heimlich Lebensmittel in aller Welt ein?

Schon dass dieser Fall, obwohl er in Pyeongchang sogar den Sportgerichtshof Cas erreichte, bei den Spielen gar nicht publiziert wurde, zeigt die Brisanz des Themas. Erst jetzt rückt die IIHF damit raus. Hoffentlich merkt's keiner.

Es ist wie immer in der olympischen Verschleierungspolitik, die ja mit Spiele-Ende auch dafür sorgte, dass Russlands Staatsdoper in die Familie heimkehren: Doping ist kein Delikt im Sport. Es ist ein Politikum. Und den Umgang mit politischen Fragen regelt kein Regelwerk. Er folgt im olympischen Sport allein dieser Prämisse: blankem Opportunismus.