Kommentar Streit jenseits der Planche

Vom Vorzeigesport zum olympischen Sorgenkind: Im Fecht-Bund muss sich einiges ändern. Bei der Ursachenforschung müssen die Ober-Fechter die Blicke aber gar nicht weit schweifen lassen.

Von Volker Kreisl

Fechten ist eine interessante Sportart, weil es ums Streiten geht. Finten, überfallartige Attacken, Paraden finden in sehr kleinen Zeiträumen statt. Das ist, wie in einem ordentlichen Ehestreit, sehr spannend und geht derart an die Nerven, dass die Fechter unter ihrer Maske brüllen, sich mit dem Kampfrichter anlegen und überhaupt nachher schweißgebadet sind. In einem erfolgreichen Fechtverband hört das große Streiten nach dem sportlichen Kampf auf, in einem erfolglosen geht es immer weiter - wie zurzeit in Deutschland.

Der Deutsche Fechterbund wird zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro erstmals eine mikroskopisch kleine Mannschaft entsenden. Sonst war es immer eine stolze Delegation von rund 20 Sportlern, die der Verband zum großen Sportfest schicken konnte. Stand jetzt sind für Rio lediglich vier Athleten qualifiziert: Zwei Säbel-Fechter, der mehrmalige Florett-Weltmeister Peter Joppich und die Florettfechterin Caroline Golubytskyi. Vielleicht schafft es noch Degen-Olympiasiegerin Britta Heidemann durch eine Hintertür nach Brasilien, vielleicht kommt noch das Männer-Degenteam hinzu, aber dann müsste jenes seine letzte Chance nutzen, und genau das haben bisher alle deutschen Teams in dieser Qualifikations- runde versäumt. Im entscheidenden Moment war der Streitgegner besser.

Die Mannschaften wirken seit Monaten ratlos, manchmal ausgelaugt, als hätten sie wenig Selbstbewusstsein. Das liegt auch daran, dass die älteren Topfechter nicht von Jüngeren entlastet wurden, dass sich zum Beispiel Heidemann nicht leisten konnte, ihre Achillessehne auszukurieren. Denn die Nachwuchs- arbeit leidet seit langem im deutschen Fechtsport - es wird zu viel gestritten. Mancher Bundestrainer klagt über den Egoismus der Regionalfunktionäre, die ihre besten Talente zurückhalten, die Landesvertreter wiederum klagen über die Arroganz der Weltsportler. Fechtpräsident Lothar Blase schmiss nach einem Jahr hin, weil die Länder sein Konzept, das sie zu wenig berücksichtigte, nicht annahmen. Und weil Fechter ausgeprägte Persönlichkeiten sind, geht es auch innerhalb der Teams zur Sache, wie bei den Florettfrauen, die lange Zeit zu wenig miteinander redeten.

Diese Art des Miteinanders könnte noch eine Weile so weitergehen, Ehe- leute richten sich ja auch über Jahrzehnte in gepflegter Kabbelei ein. Nur geht es jetzt ums Ganze, denn der Fechtsport wird wie alle olympischen Disziplinen auf seine Medaillen-Effizienz überprüft, und es dürften ihm Fördermittel gekürzt werden. Deshalb will der neue Präsident Dieter Lammer sofort Lösungen ausloten, und er muss gar nicht weit schauen: Ein Vorbild existiert ja im eigenen Haus.

Die deutschen Säbelmänner sind seit fast zehn Jahren durchgehend Weltspitze, und als Team nur wegen der Olympia-Pause für alle Säbler in Rio nicht dabei - andernfalls wären sie Gold-Kandidaten.