Kommentar Sportpolitische Mülltrennung

Thomas Bachs Ausflüchte in der jüngsten Affäre um die Vergabe der Olympischen Spiele nach Rio und Tokio erinnern an Sätze von vor 20 Jahren. Er spricht von Einzeltätern. Das zeigt: Das IOC will das Publikum .

Von Johannes Aumüller

Thomas Bach gab sich angespannt und bittend zugleich. Erstens: Das Ganze sei eine "ernstzunehmende Geschichte". Aber zweitens: Man möge ob des Fehlverhaltens Einzelner nicht "die gesamte Institution verteufeln".

Fast 20 Jahre sind diese Zitate alt. Damals lag das Internationale Olympische Komitee in Trümmern wegen einer Bestechungsorgie bei der Vergabe der Winterspiele 2002 nach Salt Lake City. Quasi sinngleich hat Bach, heute Boss des IOC, diese Haltung beim Treffen des Ringe-Zirkels in Lima wiederholt. Und so aufs Beste illustriert, dass er und die Seinen das Publikum weiter blenden möchten.

Mit Vollgas driftet das IOC in einen Skandal, der Salt Lake City weit in den Schatten stellen dürfte - und der es mit dem des Fußball-Weltverbandes aufnehmen kann. Staatsanwälte gehen dem Verdacht nach, dass mindestens die Entscheide für Rio 2016 und Tokio 2020 manipuliert wurden. Drei olympische Kernfiguren (Carlos Nuzman, Lamine Diack, Frankie Fredericks) haben sie bisher im Visier, zwei weitere (Pat Hickey, Scheich al-Sabah) stecken mit verwandten Problemen ebenfalls fest im Sumpf. Es ginge aber um mehr Verdächtige, lassen die Behörden anklingen, darunter seien "bekannte und hochrangige" Personen.

Doch Bach versucht sich an der beliebten sportpolitischen Mülltrennung. "Keine Organisation in der Welt ist immun", säuselt er. Nach dem Motto: Da ein paar wenige böse Einzeltäter - dort das IOC, das für Einzelfehler wenig kann.

Noch arbeiten die Fahnder mit Hochdruck, doch Bachs These widerspricht schon jetzt allen bekannten Besonderheiten dieses circa 100 Personen umfassenden Privatklubs, der die wichtigsten Geschäfte des Weltsports auskartelt. Dubiosen Figuren die Mitgliedschaft anzutragen oder sie im Dunstkreis wirken zu lassen, das scheint - über die Jahrzehnte betrachtet - zu den konstituierenden Merkmalen des IOC zu zählen. Dass es rund um die Ringe schmutzig wird, ist insofern schon systemimmanent. Wenn keine Organisation der Welt immun sein kann, dann gehört das IOC zu denen, die es am wenigsten sind. Dagegen hätte Bach, wenn er es ernst meint, längst ankämpfen müssen. Das tut er nicht.

Es ist nicht bekannt, dass das IOC arg rigide gegen Verfehlungen von Mitgliedern vorging. Sein - de facto abhängiges - Ethikkomitee fiel am meisten auf, als es die russische Doping-Enthüllerin Julia Stepanowa für die Rio-Spiele sperrte und so weltweite Proteste auslöste. Und der in Rio wegen seiner Verstrickung in den Ticketskandal inhaftierte IOC-Grande Hickey gab erst soeben den Job im Vorstand auf. Warum nicht im vorigen Jahr?

Rio & Co. sind nicht nur Affären Einzelner; es sind IOC-Affären. Und wie einst bei der Fifa und Sepp Blatter verwundert auch hier, dass der sonst omnipräsente Präsident von den mutmaßlichen Verfehlungen der Mitglieder nie etwas mitbekam. Aber das war schon bei der Salt-Lake-Vergabe so. Obwohl Bach damals Chef der Prüfkommission war.