Von Von Philipp Selldorf

In Deutschlands traditionell mittelständisch organisierter Fußballbranche steht der Name Massimo Moratti symbolhaft für den ökonomischen Irrsinn in den patriarchalisch geführten Klubs des Südens.

Moratti, 58, steht seit 1995 dem Mailänder Spitzenklub Internazionale vor, und seitdem hat der promovierte Politologe rund 400 Millionen Euro aus dem Familienvermögen in den Kauf neuer Spieler gesteckt. Dies, obwohl ihm sein Vater mit Enterbung gedroht hatte, falls er jemals der Fußballpassion verfallen werde - Angelo Moratti hatte als Inter-Patron selbst teuer dafür bezahlt.

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Wenn sich also die Bundesligamanager über die galoppierende Gagen für die Spieler und die wuchernden Transfersummen beklagten, dann deuteten sie meistens auf Moratti und dessen Pendants in Rom und Turin, in Madrid, Barcelona und Sevilla (und lenkten damit ein wenig von der eigenen Misswirtschaft ab).

Tatsächlich haben die Magnaten in ganz Europa jahrelang mit ihrem Geld die Sitten verdorben. Mehr als 100 Millionen Mark bezahlte vor zwei Jahren Real Madrid an Juventus Turin für den Franzosen Zinedine Zidane. Selbst die Hinterbänkler der Bundesliga, Vereine wie Hansa Rostock, VfL Bochum oder Eintracht Frankfurt bekamen in Form steigender Personalkosten mittelbar die Folgen des internationalen Wettrüstens zu spüren.

Transferbomben-Schlagzeilen vom virtuellen Spielermarkt

Ganz zu schweigen von Klubs wie Borussia Dortmund und Bayern München, die Europa als ihr Spielfeld und Inter Mailand oder Real Madrid als direkte Konkurrenten betrachten.

Auch während dieser Sommerpause ist wieder viel über das Geld gesprochen worden, das in den Klubs und an Europas Spielerbörse verteilt wurde. Nur sind diesmal die Beträge viel kleiner. Hier die Leihgebühr für einen Verteidiger, dort eine Million für den Angreifer, der vor zwei Jahren noch das Zehnfache gekostet hätte. Meist war aber die Rede von Gehaltskürzungen und Prämienstopp, große Summen wurden lediglich bei den Schuldenständen notiert.

"An den Badestränden von Alassio bis Stintino", schrieb die Neue Zürcher Zeitung, "werden die erfundenen Transferbomben-Schlagzeilen vom virtuellen Spielermarkt nur noch apathisch wahrgenommen." Der Kuhhandel mit Fußballern - das Sommervergnügen, wenn die Ligen pausieren - hat sich den kargen Zeiten angepasst.

Fußball als Industrie

Ausnahmen, etwa Real Madrids Marketingcoup mit David Beckham, bestätigen die Regel. Selbst Moratti hielt den Tresor geschlossen, und Klubs wie Florenz, Lazio Rom oder Parma sind durch den Konkurs ihrer Gönner aus dem Wettstreit ausgeschieden.

In Deutschland, wo an diesem Wochenende die 41. Bundesligasaison beginnt, würde man sich gern an der Genugtuung über die südländischen Grenzerfahrungen erfreuen. Aber man ist selbst zum Sparen und zu neuer Orientierung verdammt, obwohl das Interesse am Fußball um nichts nachgelassen hat und sein enormer sozialer Stellenwert sich durch die Dauerpräsenz abseits des Platzes nachweisen lässt.

Fußball bleibt, zumal mit Blick auf die WM 2006, ein wichtiger politischer Faktor, und er liefert dank lebensnaher Hauptdarsteller wie Oliver Kahn oder Franz Beckenbauer genügend Stoff für das gesellschaftliche Geschehen.

Spieleragenten sterben auf einmal einsam

Doch Fußball als Industrie muss sich reformieren - mit Ausnahme des scheinbar autonom existierenden englischen Marktes überall in Europa. Im italienischen und spanischen, aber auch im türkischen oder französischen Fußball grassiert die Finanznot.

Die Spieleragenten, die mit ihren Provisionen für hin und her geschobene Kicker reich geworden waren, sterben auf einmal einsam. Doch noch weiß keiner, wohin die Trendwende führt. Zu moderater Gesundung? Oder zu neuen, noch gefährlicheren Abhängigkeiten?

Während sich in Italiens Serie A Familie Ghaddafi aus Libyen Geltung als Geldgeber verschafft (und Sohn Al Saadi sogar unentgeltlich beim AC Perugia kickt), hat sich in England der russische Oligarch Roman Abramowich beim FC Chelsea eingekauft und die "russische Revolution" eingeläutet, weil er mit den Pfundnoten nur so um sich wirft. Schon steht auf der Insel der nächste zweifelhafte Investor bereit - ein venezolanischer Milliardär, der zunächst nicht mal genannt werden wollte.

682 Millionen Euro Schulden

Man nimmt es, woher man's kriegen kann. Der TSV 1860 München flog nach Südkorea zu einem gut bezahlten Turnier, hinter dem die Moon-Sekte stand - und fragte lieber nicht nach. Selbst der FC Bayern bezeugte mit seinem geheimen Kirch-Vertrag, dass Käuflichkeit auch beim Stärksten nicht halt macht.

Die Gründe für den geplatzten Boom gleichen sich. Sowie der Neue Markt zusammenbrach, verflogen auch die Illusionen im Fußball. In Italien, Spanien und Deutschland gingen ganze Senderketten Pleite, die mit Fantasiesummen die Klubs alimentiert hatten. Für diese Saison sah der TV-Vertrag der Kirch-Gruppe mit der deutschen Profiliga 460 Millionen Euro Honorar vor - aber die Kirch-Gruppe gibt es nicht mehr.

290 Millionen Euro zahlt nun der nächste Rechte-Inhaber, doch die Tendenz ist fallend, und die Klubs sind gezwungen, die ausgefallenen, aber verplanten Einnahmen auszugleichen. Ein Kunststück angesichts eines Schuldenstands von insgesamt 682 Millionen Euro.

2,5 Millionen vom Chipshersteller, 20 Millionen von der Telekom

So hat sich die Bundesliga zum Sparverein gewandelt, und das ist nur zu begrüßen nach Jahren spekulativen Wirtschaftens und unseriöser Bündnisse. 89 Spielerwechsel meldete die Liga im Sommer - vor drei Jahren waren es 156. Die Transferkosten des Vorjahres haben sich gegenüber dem Vorjahr auf weniger als ein Drittel reduziert, circa 32 Millionen Euro.

Je knapper das Geld, desto deutlicher werden die Größenunterschiede zwischen Reich und Arm. Während sich der 1. FC Köln, einst der erste Meister der Liga, glücklich schätzt, dass er für jährlich 2,5 Millionen Euro noch einen Chipshersteller als Trikotsponsor gewinnen konnte, nimmt der FC Bayern lässig die 20 Millionen von Hauptsponsor Telekom.

Selbst der Münchner "Automobilpartner" Audi sowie der offizielle Bierlieferant Paulaner zahlen noch doppelt so viel wie der Kölner Top-Finanzier. Von Chancengleichheit kann keine Rede mehr sein: Es gibt Bayern München, eine Handvoll potenter ambitionierter Klubs wie Dortmund, Schalke, Hertha und den VfL Wolfsburg, der neuerdings massiv vom VW-Werk gesponsert wird - und die graue Masse, die ums Überleben kämpft.

Das Geschäft ist in der Krise, nicht der Fußball

Für die Bayern bedeutet das ein Leben zwischen zwei Welten: Ziemlich konkurrenzlos in der Bundesliga, in der wegen ihrer Überlegenheit schon im vergangenen Jahr Langeweile einkehrte, und in der Champions League im Wettstreit mit ein paar Fußballkonzernen wie Real Madrid und Manchester United. Auch in Europas schrumpfender Fußballwirtschaft hat eine Unternehmenskonzentration eingesetzt, die wegweisend ist.

Diese Entwicklung ist der eigentlich schädliche Kern der Krise, die keine Krise des Fußballs, sondern nur eine des Geschäfts ist. Am Sport werden sich die Zuschauer weiterhin erfreuen können, sie werden es nicht mal mitbekommen, wenn ihr Mittelstürmer nur noch für das halbe Millionengehalt Tore schießt.

(sueddeutsche.de)

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