Kommentar Rekorde als Mahnmal

Mal wieder werden in der Leichtathletikszene lautstark Maßnahmen gefordert, die in erster Linie populistisch sind. Aber einige Vorschläge, zum Beispiel aus England, gehen in die richtige Richtung: Die Vorgänge könnten transparenter werden.

Von Thomas Hahn

Die Leichtathletik tüftelt nun also an ihrer Selbstheilung nach den mächtigen Doping-Enthüllungen des vergangenen Jahres, die den olympischen Kernsport in eine neue Sphäre der Image- und Glaubwürdigkeitskrise geführt haben. Ob das etwas Gutes verheißt, ist allerdings noch nicht raus. Wenn der Sport sich selbst aus dem Sumpf ziehen wollte, ist er darin oft nicht sehr gründlich gewesen. Die Show war nicht schlecht, die Wirkung mittelprächtig. Selbstheilung heißt für Sportfunktionäre meistens, ein ernstes Gesicht zu machen und publikumswirksam zu geloben, dass ab jetzt alles viel, viel sauberer werde.

Auch die 14 Reform-Vorschläge, welche der Verband UK Athletics eingebracht hat, sind zunächst einmal vor allem laut. Acht-Jahres-Sperren bei schweren Erstvergehen und die Zurücksetzung aller Weltrekorde regen die Briten unter anderem an. Beide Forderungen sind alt und gehören zum Allzweckwaffen-Arsenal für Populär-Problemlöser. Sie klingen gut, bringen aber wahrscheinlich nicht viel. Sportler nach dem ersten Positiv-Befund mit überlangen Sperren zu belegen, wirft juristische Bedenken auf - zumal eine positive Dopingkontrolle die Schuldfrage nicht immer eindeutig klärt.

Man müsste die Gier von Medien und Managern abschaffen

Und die bisherigen Weltrekorde auf Null zu stellen, hätte allenfalls symbolischen Wert. Die Leichtathletik könnte einen Neuanfang inszenieren, von dem keiner so genau weiß, ob er auch wirklich ein Neuanfang wäre. Ein Wettbewerb um die Einträge in die neuen Rekordlisten würde beginnen und damit die gleiche ungesunde Hatz, die schon so viele Sportler in der Vergangenheit in die künstliche Leistungssteigerung getrieben hat. Eher müsste man die nutzlose Rekord-Gier von Publikum, Managern und Medien abschaffen, als die bestehenden Bestmarken einzufrieren. Im Grunde müsste man den aktuell bestehenden Weltrekorden sogar mehr denn je auf den Grund gehen, um besser zu verstehen, mit welchen Mitteln sie zustande gekommen sind. Die alten Zahlen könnten die mahnenden Denkmäler eines verseuchten Sports sein.

Die Briten haben aber auch Vorschläge eingebracht, die in die richtige Richtung zielen: Zum Beispiel wollen sie ein öffentliches Register aller Dopingtests. Transparenz ist in der Tat der Schlüssel zu einer besseren Sportwelt. Die Datensammlungen der biologischen Athletenpässe bieten eine gute Grundlage, um der Öffentlichkeit zu zeigen, was in den Athletenkörpern vorgeht beziehungsweise in der Vergangenheit vorgegangen ist. Diese Transparenz würde nicht unbedingt dazu führen, dass es mehr positiv getestete Sportler gibt. Aber die Leistungen würden anschaulicher werden, und der Doping-Verdacht würde mit Sicherheit leichter diejenigen treffen, die ihn sich verdient haben.