Eigentlich ja ein alter Hut: Die Fußball-WM 2010 wird in Afrika gespielt, das steht seit vier Jahren fest. Weshalb aus europäischer Sicht die Frage vielleicht nicht so prickelnd ist, wer nun genau das Spektakel veranstalten darf: Marokko - oder Südafrika?
Dass einige Bewerber mehr im Ring stehen, wenn die Exekutive des Weltverbandes Fifa am Samstag in Zürich darüber richtet, spielt keine Rolle. Ägypten braucht ein Wunder, Tunesien zog seine Kandidatur am Freitag zurück, Libyen ist chancenlos. Und Revolutionsführer Gaddafi lernt, dass ein Funktionärswort im Milliardengeschäft Fußball so viel wiegt wie der Wind, der es verweht.
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2002, als sich Fifa-Boss Sepp Blatter einer aufrechten Verbandsopposition gegenüber sah und seine Wiederwahl gefährdet war, sorgte Gaddafis Sohn Al Saadi dafür, dass die Hälfte der 50 Nationen Afrikas gegen ihren Kontinentalchef Issa Hayatou votierten - und dieser den listigen Sepp nicht stürzen konnte. Stolz tat Gaddafi junior hernach der Welt kund, Libyen habe die WM sicher. So kann man sich täuschen.
Manche Dinge verkneifen sich selbst Fifa-Funktionäre, mag die Verlockung noch so enorm sein. Und auch mit Blatter legt sich keiner mehr an. Wie der seine Allgewalt ausübt, erlebt Afrika gerade am Racheurteil der Fifa gegen Kamerun wegen eines lächerlichen Trikot-Vergehens: Sechs Punkte Abzug in der WM-Qualifikation bedeuten quasi die Eliminierung von der WM 2006.
Verbandschef Kameruns ist - klar, reiner Zufall - besagter Hayatou, der Blatter 2002 öffentlich schmutziger Praktiken geziehen hatte und ihn vom Thron schubsen wollte. Kameruns Fußball blutet nun dafür.
Für alle wählbar bleiben
Auch für Südafrika und Marokko ist wichtig, wem Blatters Gunst zufällt. Dessen Stimme zählt doppelt im Fall eines Patts - nur käme das dem Fifa-Chef höchst ungelegen. Einen derart offiziellen Gunstbeweis würde jeder mitkriegen, und Blatter zieht lieber im Hintergrund blank. Was ihn antreibt, was er wirklich will, ist: wiedergewählt werden. Um jeden Preis. Also muss er für alle wählbar bleiben.
Südafrika wäre eine Wahl, die auch ihn schmückte. Der Kap-Staat war 2000 an Deutschland gescheitert, obwohl ihn Blatter lauthals gepuscht hatte. Diesmal half er subtiler. Dass er den Inspektionsbericht über die Kandidaten eigenmächtig ins Web stellte, war so ein Taschenspielertrick.
Nur: Diente die Publizierung des Papiers wirklich Südafrika, das darin am besten abschnitt - oder hat Blatter die Empörung nur provoziert, um Marokko noch Protestler ins Lager zu treiben? Die Südafrikaner hatten Zweifel bis zuletzt, nicht mal die Assistenz gewiefter Lobbyisten wie ihres Bezwingers von 2000, Franz Beckenbauer, konnte die Unruhe dämpfen.
Steht ja zu viel auf dem Spiel für das Team, das mit Nelson Mandela und Erzbischof Tutu nach Zürich gereist ist: Zweimal scheiterte Mandela im Bewerb um WM (2006) und Olympia (2004), noch ein Rückschlag wäre verheerend - zumal Südafrika einen Zyklus von vier Weltmeisterschaften abwarten müsste, bis das Turnier wieder auf den Kontinent zurückkehrt. Das wäre ein Ziel für die nächste Generation.
Welchen Anteil hat die Weltpolitik?
Sollte das sportbegeisterte Land scheitern, hat aber auch die Weltpolitik ihren Anteil daran. Dass die nun das größte Gesellschaftsereignis der Welt erreicht hat, braucht niemanden zu überraschen. Den Krieg im Irak hat Südafrika nicht unterstützt, Marokko hingegen folgte George W. Bush schön bei Fuß.
Zum Dank machte sich die US-Regierung für Rabat stark. Auch betreibt Alan Rothenberg, Organisationschef der WM 1994 in den USA mit besten Kontakten zu den Sponsoren, Lobby fürs Königreich. Und vorsichtshalber hat Mohammed VI. 140 Millionen Euro in der Schweiz geparkt, die dem Fußball in ganz Afrika zu gute kommen sollen - falls Marokko gewinnt.
All das schafft Propagandawerte und verschleiert die Realität: Marokkos schmutzigen Krieg gegen West-Sahara, Heerscharen von "Verschwundenen" im Land, 200.000 in die algerische Wüste vertriebene Flüchtlinge oder Amnesty Internationals Vorwürfe, dass politischen Gefangenen in Marokko unter Folter Geständnisse abgepresst würden. Klingt recht vertraut, nach dem neuesten Demokratiemodell Bush'scher Prägung.
In Zürich geht es also nicht um Afrika. Es geht darum, wer den Fußball regiert: Der Blatter-Sepp, manischer Alleingänger und zumindest in den Augen der Welt ein Südafrika-Lobbyist, oder George Dabbelju, der Meister der Abseitsstellung.
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(SZ vom 15.5.2004)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak