Intersexualität Was das dritte Geschlecht für den Sport bedeutet

Die 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya hat sich immer als Frau gefühlt.

(Foto: Getty Images for IAAF)

Soll es künftig drei Weltmeister pro Disziplin geben? Einer Weltklasseläuferin wie Caster Semenya wäre damit nicht geholfen. Der Sport muss neu denken, wie er mit körperlichen Unterschieden umgeht.

Kommentar von Barbara Klimke

Erniedrigend fand die Diskuswerferin Liesel Westermann, was sie 1966 bei ihrem ersten internationalen Wettkampf erlebte. Unakzeptabel, ungeheuerlich. "Wir hatten uns auszuziehen", berichtete die spätere Weltrekordlerin in ihrer Autobiografie. Dann mussten die Athletinnen mit einer Startnummer in der Hand splitternackt auf- und abmarschieren. Liesel Westermann kam sich vor, als sei sie auf dem Viehmarkt: "Es war wie bei der Trichinenschau. Nur bekamen wir den Stempel nicht auf den Hintern, sondern auf eine Karteikarte."

Das Prozedere, Sex-Test genannt, hatten sich die Leichtathletik-Funktionäre damals vor der EM in Budapest ausgedacht, als Gerüchte um auffällig männlich aussehende Athletinnen aus dem Ostblock die Runde machten. Von da an nahmen sich Verbandsärzte das Recht, Frauen aus genetischen Gründen vom Wettbewerb auszuschließen. Bei Olympischen Spielen wurde die Fleischbeschau nach Protesten durch eine humanere Lösung ersetzt: per Wattestäbchen und per Zählung der X-Chromosomen aus der Mundschleimhaut. Trotzdem wurde noch 1992 eine Mutter von zwei Kindern aussortiert, weil sie bei der Reihenuntersuchung durchs Raster fiel. Es dauerte bis Sydney 2000, ehe auch das IOC bereit war zu akzeptieren, dass für die Bestimmung des Geschlechts mehr Faktoren herangezogen werden müssen als einfach der Chromosomensatz. Die obligatorischen Sex-Tests wurden abgeschafft.

Heraus aus dem Schatten der Nichtanerkennung

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Bei der strikten Zweiteilung im Sport zwischen Mann und Frau aber ist es bisher geblieben. Denn es handelt sich um einen Wettbewerbsbereich, der seinen Sinn aus der Vergleichbarkeit von körperlichen Leistungen zieht. Und die simpelste - sozusagen biblische - Einteilung in vergleichbare Klassen ist von jeher die Geschlechtertrennung von Mann und Frau gewesen. Biologisch korrekt war sie nie.

Daran erinnerte zuletzt das Schicksal zweier Läuferinnen, der Sprinterin Dutee Chand aus Indien und der 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya aus Südafrika: Beide haben einen natürlichen Testosteronwert, der so hoch liegt, dass er von den Verbänden im männlichen Bereich eingeordnet wurde. Beide wurden deshalb zwischenzeitlich von allen Frauen-Wettbewerben ausgeschlossen.

Und vor der Öffentlichkeit bloßgestellt. Das alles könnte sich nun zum Guten wenden, da das Bundesverfassungsgericht ein drittes Geschlecht anerkannt hat, jenseits von Mann und Frau. Denn schon fordern Betroffene und ihre Interessenvertreter mit Recht, dass auch in Hallen und Arenen, auf Tartanbahnen und Tenniscourts die starre Kategorisierung aufbricht. "Gerade im Sport finden extrem viele Diskriminierungen statt", sagt Lucie Veith vom Bundesverband Intersexuelle Menschen und verweist auf "Athleten, die zwangsgeoutet werden" wie Semenya; auf Sportler, die Angst hätten, in der Umkleide, unter Teamgefährten und Kollegen, ihre Geschlechtlichkeit zu zeigen. Die Funktionäre seien nun gezwungen, über Sport ganz neu nachzudenken: Warum, fragt Veith, sollte es in der Leichtathletik zum Beispiel nicht drei 100-Meter-Weltmeister geben?

Divers - das ist auch keine Lösung, wenn Athletinnen sich als Frauen fühlen

Männer, Frauen, Divers: Das ist eine interessante, innovative Idee. Aber für eine Athletin wie Caster Semenya dürfte die Gruppierung in die dritte Kategorie kaum die angemessene Lösung sein. Erstens fehlte es der Weltklasseläuferin wohl an Konkurrenz - der Anteil von Menschen mit Varianten der geschlechtlichen Differenz soll etwa 0,2 bis 0,5 Prozent der Bevölkerung betragen. Zudem hieße es, ihr soziales Geschlecht zu ignorieren: Caster Semenya ist als Mädchen aufgewachsen. Sie hat sich immer als Frau gefühlt.

Womöglich führt der Weg über mehr Inklusion. Und das wäre für das traditionelle Schubladendenken im Sport wahrhaftig eine Herausforderung: In Kampf- und Kraftsportarten wird ja nicht nur nach Männlein und Weiblein unterschieden, sondern aus Gründen der Vergleichbarkeit zusätzlich nach dem, was einer auf die Waage bringt. Das Nachdenken fängt gerade erst an. Es gibt viele Faktoren neben dem Geschlecht, die im Sport über körperliche Vorteile entscheiden. Der eine hat die längsten Beine, wie der Sprint-Weltrekordler Usain Bolt. Der andere die größten Füße, wie Schwimmer Michael Phelps. Und wer zu den Besten, zu den Weltbesten gehört in seinem Fach, der liegt im Vergleich zum Normalbürger ohnehin außerhalb jeder Norm.

"Die Gesellschaft hat eine Bringschuld, neue Formen des Umgangs zu finden"

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