Dass nun wesentliche Teile des Systems, Fernsehen und Sponsoren, die angeblich porentief geläuterten Sünder gleich mit offenen Armen aufnehmen, belegt: Hier wurde nichts begriffen.
Die Reaktionen auf eingeschränkte Telekom-Beichten, die unvermeidlich waren und sich zufällig nur auf Zeiten jenseits der rechtlichen Verjährung beziehen, zeigen ein bizarres Problembewusstsein: Ganz toll, die armen Buben haben gestanden. Jetzt aber Schluss mit dem Nachkarten. War das nicht ein enormer ethischer Wandel? Start frei, Kamera läuft!
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So tritt schon in der Stunde Null die Ignoranz zu Tage, die Doping als Systemzwang erst ermöglicht. Am Tag des deutschen Kollektiv-Outings gewinnt Oscar Sevilla eine Etappe in Katalonien, jener Spanier, der dick in Fuentes' Akten steht: Beim Giro in Italien ist der Bonner Geständnisreigen gar kein Thema. Wie wollen die frommen Deutschen das jetzt regeln? Dass sie nun ohne Doping und ärztliches Know-how mithalten (schneller radeln, Jungs!)? Oder dass man sauber hinterher fährt, sich trotzdem Millionen Fans vor der Glotze drängeln, wenn deutsche Saubermänner mit einer halben Stunde Verspätung eintrudeln?
Die Beichte von Aldag bis Zabel ist doch: Wir haben gedopt, weil wir wussten, dass wir nicht erwischt werden konnten. ,,Wo ist das Risiko?'', fragte Aldag offen in die Medienrunde. Das ist der Kern: Ein Risiko, entdeckt zu werden beim Dopingtest, gab es damals nicht und gibt es heute nicht. Längst ist die nächste Produktpalette auf dem Markt, Gentropin und Eposin, anabole und maskierende Stoffe, die höchste Wirkung mit der Garantie verbinden, bei keinem Test aufzufliegen. Die neue Pharma-Welle kennen die Betrugsforscher noch gar nicht, weiß Zellbiologe Werner Franke. Auch bricht das Zeitalter des Gen-Dopings an, dessen erste real dokumentierte Szenedebatte vor Jahren wo stattfand? Im deutschen Sport, schlag nach in den Ermittlungsakten zum Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein.
Das ist die Realität. Aber in der wirren Debatte, die Sport, Politik und Öffentlichkeit nun führen, geht wieder das Wesentliche unter: dass es just der deutsche Sport war, der sich bis zuletzt mit aller Kraft gegen Strafrechts-Sanktionen für dopende Athleten stemmte - jetzt rufen seine Funktionäre am lautesten danach. Und Sportminister Schäuble stimmt mit ein, der den Funktionären gerade erst ein famoses Aktionsprogramm abgekauft hatte und diese fromme Hülle für ausreichend hielt. Ein Systemzwang Doping kann nur hier entstehen, im Maschinenraum der Macht. Jeder Reformversuch muss also bei den politischen, medizinischen und juristischen Hütern dieses Systems ansetzen. Der dopende Athlet ist nur das Endprodukt.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(SZ vom 26.5.2007)
Harte Kritik des Bayern-Präsidenten
Ich finde unser beider Dialog jedenfalls besser als die Suche nach dem Schuldigen ("das System" oder wer auch immer). Zurueck zum Thema:
Ich wuerde Ihrem Ansatz gern folgen, komme ueber einen Haken aber nicht weg: der Endverbraucher (konkret Sie und ich) muss die Kroete schlucken und es durch die Wahl der sauberen Alternative den Sponsoren und TV Leuten deutlich machen (die Fahrer folgen dann, da die wenigsten ihre Karriere wegen des Gutmenschseins aufs Spiel setzen, wer macht dies denn schon im alltaeglichen Beruf, wo mehr Alternativen existieren als im Profisport, irgendwie muss das Brot auf dem Tisch und das Dach ueber dem Kopf ja bezahlt werden). Was ich mit Kroete meine: Kuerzere Etappen, nicht so steile Anstiege, mehr Ruhetage, langsamere Zeiten, Helden mit weniger 'Power' usw. usf. und dies auch noch ueber die Landesgrenzen von Deutschland hinweg. Medienkampagnien, in denen die (nicht nur oeffentlich rechtlichen) Fernsehanstalten und Sponsoren ueber die Negativfolgen des Dopings aufklaeren (und nicht nur ein paar Einzelne "Verrueckte", die meine Hochachtung finden, aber nicht so richtig durchkommen). Sendungen, in denen die Sauberen Heldenstatus bekommen, usw. usf. Ich bleibe dabei, Ihr Vorschlag klingt vorallem vernuenftig, hat aber keine Emotionen, die wie ich meine einer der Hauptgruende sind, warum sich die meisten die Wettbewerbe ansehen, hingehen, Helden identifizieren.
"...Bin gespannt auf die Details Ihres Vorschlages..."
Nun ja, der Vorschlag war nicht wirklich ein Vorschlag, sondern mehr ein Gedankenspiel. Er bestand nicht aus Details, sondern er war als Vorgabe gedacht. Die Details wären dann das, was sich daraus ergeben würde bzw. unsere Mutmaßungen über den Ablauf.
Mein primärer Gedanke dabei war, zunächst mal dem Sportler selbst Wahlfreiheit zu lassen, ihm aber dadurch gleichzeitig eine Positionierung abzunötigen: Bin ich für oder gegen Doping? Wenn er sich dazu bekennt, _gegen_ Doping zu sein, d.h. sich bisher nur vom System quasi "gezwungen" fühlte zu dopen oder ausgestiegen ist bzw. aussteigen musste, so hat er nun eine Alternative und er kann sich nicht mehr beschweren. Wird er dann trotzdem des Dopings überführt, schaut's allerdings wirklich schlecht aus für ihn...:-)
Der Radfahrer, der sich für die 'Tour de Doping' entscheidet, hat die Möglichkeit, unter ärztlicher Aufsicht und entkriminalisiert alles für den Erfolg zu tun. Dafür geht er aber abgesehen von der Gefährdung seiner Gesundheit auch das Risiko ein, keinen ausreichend großen Markt für hohe Preisgelder bzw. fette Werbeverträge vorzufinden. Denn - und das wäre das Interesanteste bei der Geschichte - die Frage ist ja auch, wie sich der "Endverbraucher" am Fernseher entscheidet. Ich persönlich glaube nämlich, dass er sich überwiegend _gegen_ Doping ausspräche. Zwar heißt es ständig, es zählten nur erste Plätze und immer neue Höchstleistungen, und die seien für den immensen Druck und das Doping mitverantwortlich, ich jedoch glaube hingegen, dass der Fan zwar Spitzensport sehen will, aber Doping dabei entschieden ablehnt. Er will "ehrlich errungene" Siege sehen, weil er - da bin ich mir sicher - seine Bewunderung für den Sportler mit dessen ureigener Leistung ohne Hilfsmittel verknüpft. Dass der Fan auftauchende Doping-Gerüchte bisher oft verdrängt hat, ist nämlich kein Widerspruch, sondern Beleg für die Ablehnung.
Meine Hoffnung wäre die, dass sich die meisten Radfahrer _gegen_ Doping entscheiden und dass durch die explizit ausgesprochene Festlegung für sauberes Fahren die Hemmschwelle für kriminelle Energie wesentlich höher liegt, als das bisher der Fall war.
Bernhard Oleinek: Gruendung eines Parallel-Radsportverbandes
Lassen Sie uns den Gedanken weiterspinnen: Wer, glauben Sie, tritt diesem bei und wie wird die Finanzierung aussehen? Werbung? ("Wir vertreten eine sauberen Sport, und auch wenn unsere Sieger etwas langsamer sind als die des etablierten Verbandes, werden die moralisch auf der richtigen Seite stehenden Athleten, Funktionaere, Fernsehanstalten und nicht zu vergessen Zuschauer den wahren Kern erkennen." Irgendwie soetwas muesste dabei entstehen oder?, Oder wollen Sie noch hinzufuegen:"Und wir haben die entsprechenden Kontrollgremiem und das Abschreckpotential, um den sauberen Sport auch sicherzustellen".
Irgendwie soetwas muesste dabei entstehen oder?, Oder wollen Sie noch hinzufuegen:"Und wir haben die entsprechenden Kontrollgremiem und das Abschreckpotential, um den sauberen Sport auch sicherzustellen".
Ich meine dies nicht zynisch, ich nehme Ihren Gedanken auf als eine moegliche Alternative, um aus dem Schlamassel herauszukommen, anstatt wie gerade ausfuehrlich praktiziert, den Schuldigen zu finden und abzustrafen, um damit wird alles heil. Bin gespannt auf die Details Ihres Vorschlages.
Und eines moechte ich noch loswerden: Ich bin fuer Dopingfreigabe als kleineres Uebel, nicht weil ich es prinzipiell gut finde oder die Folgen verniedliche. Ich halte es nur fuer ehrlicher als jede andere Alternative, die es heute gibt, und die m.E. nicht funktioniert, Abschreckung nicht, und Einstampfen der Sportart und ihre Protagonisten auch nicht. Wenn Sie erst Gerichte und Polizei bemuehen muessen, um einen Sport geradezubiegen, dann ist mehr im Argen, als Abschreckung und Verbote richten koennen.
Ich sehe den Grund in unserem (Konsumenten)Verhalten, wir finden nur erste Plaetze richtig geil und setzen uns deshalb vor den Fernseher und zahlen fuer all das Merchandising. Solange hier nicht Alternativwerte entwickelt werden, die ueber den sauberen Sport weit hinausgehen muessen und emotionale Komponenten enthalten (eben irgendetwas, was richtig geil ist), halte ich die Freigabe der Drogen fuer den pragmatischeren Weg.
@Bernhard Oleinek:
Ich finde, wir sind jetzt auf einer guten Diskutierbasis. Dabei ist es nicht notwendig, daß wir restlos übereinstimmen. Ich gebe dir absolut Recht, daß ein Betrug auch ein Betrug ist, wenn er nachträglich eingestanden wird. Nur - wie kommen wir weiter, wenn gar nichts eingestanden wird? Insofern helfen uns die Eingeständnisse schon weiter, auch wenn ein schaler Beigeschmack zurückbleibt. Ein Betrüger, der sich outet ist immer noch ein wenig besser, als einer, der nie etwas zugibt, es sei denn, er wird überführt. längst überführt ist! Und bei Lance Armstrong war medizinisch alles klar: er mußte und muss Testosteron nehmen, weil sein Körper nicht mehr ausreichend Testosteron selber produziert. Das hat aber zu einer Wettbewerbsverzerrung geführt, der die Medien sieben Jahre taten- und hilflos gegenüber standen. Armstrong alleine durfte aus medizinischen Gründen dopen! Alle wussten es und haben geschwiegen. Schämen sich die Medien, der investigative Journalismus jetzt, daß man im Falle Armstrong derart erbärmlich versagt hat? Die Heuchelei ist in meinen Augen unerträglich, wenn man jetzt auf alles draufhaut und das Thema Lance Armstrong ausklammert, eben weil dieses das eigene Versagen offenbaren würde.
Paging