Ein Kommentar von Thomas Kistner

Dass nun wesentliche Teile des Systems, Fernsehen und Sponsoren, die angeblich porentief geläuterten Sünder gleich mit offenen Armen aufnehmen, belegt: Hier wurde nichts begriffen.

Die Reaktionen auf eingeschränkte Telekom-Beichten, die unvermeidlich waren und sich zufällig nur auf Zeiten jenseits der rechtlichen Verjährung beziehen, zeigen ein bizarres Problembewusstsein: Ganz toll, die armen Buben haben gestanden. Jetzt aber Schluss mit dem Nachkarten. War das nicht ein enormer ethischer Wandel? Start frei, Kamera läuft!

Anzeige

So tritt schon in der Stunde Null die Ignoranz zu Tage, die Doping als Systemzwang erst ermöglicht. Am Tag des deutschen Kollektiv-Outings gewinnt Oscar Sevilla eine Etappe in Katalonien, jener Spanier, der dick in Fuentes' Akten steht: Beim Giro in Italien ist der Bonner Geständnisreigen gar kein Thema. Wie wollen die frommen Deutschen das jetzt regeln? Dass sie nun ohne Doping und ärztliches Know-how mithalten (schneller radeln, Jungs!)? Oder dass man sauber hinterher fährt, sich trotzdem Millionen Fans vor der Glotze drängeln, wenn deutsche Saubermänner mit einer halben Stunde Verspätung eintrudeln?

Die Beichte von Aldag bis Zabel ist doch: Wir haben gedopt, weil wir wussten, dass wir nicht erwischt werden konnten. ,,Wo ist das Risiko?'', fragte Aldag offen in die Medienrunde. Das ist der Kern: Ein Risiko, entdeckt zu werden beim Dopingtest, gab es damals nicht und gibt es heute nicht. Längst ist die nächste Produktpalette auf dem Markt, Gentropin und Eposin, anabole und maskierende Stoffe, die höchste Wirkung mit der Garantie verbinden, bei keinem Test aufzufliegen. Die neue Pharma-Welle kennen die Betrugsforscher noch gar nicht, weiß Zellbiologe Werner Franke. Auch bricht das Zeitalter des Gen-Dopings an, dessen erste real dokumentierte Szenedebatte vor Jahren wo stattfand? Im deutschen Sport, schlag nach in den Ermittlungsakten zum Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein.

Das ist die Realität. Aber in der wirren Debatte, die Sport, Politik und Öffentlichkeit nun führen, geht wieder das Wesentliche unter: dass es just der deutsche Sport war, der sich bis zuletzt mit aller Kraft gegen Strafrechts-Sanktionen für dopende Athleten stemmte - jetzt rufen seine Funktionäre am lautesten danach. Und Sportminister Schäuble stimmt mit ein, der den Funktionären gerade erst ein famoses Aktionsprogramm abgekauft hatte und diese fromme Hülle für ausreichend hielt. Ein Systemzwang Doping kann nur hier entstehen, im Maschinenraum der Macht. Jeder Reformversuch muss also bei den politischen, medizinischen und juristischen Hütern dieses Systems ansetzen. Der dopende Athlet ist nur das Endprodukt.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 26.5.2007)