Kommentar Fehlbarer Alleskönner

Mit drei Toren im letzten Gruppenspiel bewahrt Lionel Messi Argentinien vor dem Aus und wird von U2-Sänger Bono prompt heilig gesprochen: "Gott existiert."

Von Boris Herrmann

Ein kleines Wunder vollbrachte Lionel Messi schon vor dem Anpfiff. Die Band U2 hat seinetwegen ihren Auftritt verschoben. Das lag aber weniger an Messis außergewöhnlichem Talent als vielmehr daran, dass er dieses Talent immer mal wieder unter seinem argentinischen Nationaltrikot versteckte. Das Wunder kam zustande, weil auch vermeintliche Alleskönner fehlbar sind. Eine beruhigende Erkenntnis.

Als das U2-Konzert für diesen Dienstag, 21 Uhr, im Estadio Único von La Plata angesetzt wurde, war nicht abzusehen, dass sich in diesem Moment in Argentinien niemand für Rock und Pop interessieren würde. Weil der, trotz allem, größte Fußballer der Gegenwart zeitgleich um seine letzte Chance auf eine WM-Teilnahme spielte. Das Land von Maradona und Messi drohte erstmals seit 1970 die Endrunde zu verpassen, was dort nichts anderes bedeutet als: nationaler Notstand.

U2-Sänger Bono verkündet salbungsvoll: "Gott existiert."

Zwischen der Vorband High Flying Birds um ihren Frontmann Noel Gallagher (vormals Oasis) und der Darbietung von U2 wurde auf der Bühnenleinwand tatsächlich das WM-Qualifikationsspiel zwischen Ecuador und Argentinien übertragen. Gallagher und U2-Sänger Bono, zwei Männer, die es gewohnt sind, dass sich alles um sie dreht, egal, wo sie hinkommen, richteten sich diesmal nach dem Rahmenterminkalender der Fifa. Vielleicht auch, weil sie aus eigener Erfahrung wissen, wie tief Superhelden fallen können, wenn sie mal Schwäche zeigen. Das verbindet sie mit Lionel Messi.

Rückblickend betrachtet hätte sich das kein Konzertplaner besser ausdenken können. Messi hat ja dann auch nach dem Anpfiff noch ein dreifaltiges Wunder bewirkt, diesmal auf seinem Spezialgebiet. Nahezu alleine schoss er seine Argentinier nach Russland. Und als Bono mit 90-minütiger Verspätung die Bühne betrat, teilte er salbungsvoll mit: "Gott existiert." Die Stimmung im Publikum war da so aufgeheizt, wie es keine Vorband der Welt hätte vollbringen können.

Messi und die Argentinier, das war bis zu diesem Dienstag die Geschichte einer Beziehungskrise. Voller Liebe, einerseits. Aber gerade auch deshalb: anfällig für gegenseitige Enttäuschungen. Zu Hause haben sie nie begriffen, weshalb Messi nicht einfach Messi blieb, wenn er Weiß-Himmelblau trug. Weshalb ihm beim FC Barcelona alles spielend leicht vom Fuß ging, während ihn der Dienst fürs Vaterland verkrampfen ließ. Vor allem in entscheidenden Momenten. Drei Finals hat Messi mit Argentinien verloren (einmal um die WM, zweimal um die Copa América); nach dem dritten trat er entnervt aus der Nationalelf aus, was er auf inständiges Flehen zurücknahm.

Messi ist längst Rekordtorschütze seines Landes, weit vor Maradona. Der Fluch der sogenannten Fußballgötter verschärft sich aber mit jedem Geniestreich. Danach wird erst recht Übermenschliches erwartet in einem Spiel, das sich im Kollektiv entscheidet. Das kennen auch der Portugiese Cristiano Ronaldo und der Brasilianer Neymar. Auf einmal hört es sich so an, als hätte Argentinien nie an Messi gezweifelt. Um die grenzenlose Liebe, die ihn nun nach Russland trägt, ist er nicht zu beneiden.