Von Jörg Marwedel

Luan Krasniqi wird den Weltmeistergürtel nicht, wie versprochen, zum Grab von Max Schmeling in Hollenstedt tragen. Es bleibt, auch 75 Jahre nach Schmelings historischem Sieg über Jack Sharkey, ein deutscher Traum, noch einmal die Krone in der Königsklasse der Faustkämpfer, dem Schwergewicht, zu erobern. Und wahrscheinlich wird es ewig ein Traum bleiben.

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Wer immer aus dem bröckelnden, aber im globalen Vergleich weiter recht behüteten Sozialstaat Deutschland gegen einen schwarzen Amerikaner antritt, muss wissen, dass er meist auf einen Mann trifft, der - so hat es Lamon Brewster nach dem Duell gegen Krasniqi formuliert - "aus dem Nichts kommt" und mit mehr als seinem Herzen dafür kämpft, nach oben zu kommen in einer gnadenlosen Gesellschaft. Und sei es mit Tiefschlägen.

Den Trieb des Publikums befriedigt

Auch Krasniqi, der intelligente, gut ausgebildete gebürtige Kosovo-Albaner aus dem schwäbischen Rottweil, kämpft um Anerkennung in seiner Wahlheimat. Für Brewster aber ist Boxen, wie er bei jeder Gelegenheit betont, Existenzkampf.

Er hat das am späten Mittwochabend mit einer Entschlossenheit vorgeführt, die alle heroischen und archaischen Triebe des Publikums befriedigte. Kaum weniger brutal muss es früher bei Gladiatorenkämpfen zugegangen sein. Und wer die Wucht der Schläge in der Zeitlupe des Fernsehens sah, mochte sich wundern, dass niemand zu Tode gekommen ist.

8 Millionen Zuschauer

Diese Brutalität, die Millionen von Menschen fasziniert und aus diesem Sport schon zu Schmelings Zeiten ein großes Geschäft machte, hat weiter eine magische Anziehungskraft. Rund acht Millionen TV-Zuschauer sahen Krasniqis Kampf, mehr als den Fußball-Schlager Schalke 04 gegen AC Mailand in der Champions League. Dennoch oder gerade deshalb muss wieder einmal dringend über die Grenzen des Spektakels diskutiert werden.

Dürfen Ringrichter einen solchen Kampf weiterlaufen lassen, wenn der vernichtende Schlag nur noch eine Frage von Minuten oder Sekunden ist? Dürfen Boxer darüber befinden, ob sie weiter kämpfen wollen oder nicht? Müssen die Grenzen zum Schutz der Gesundheit der Boxer mal wieder enger gezogen werden?

Das so genannte American Judging, die von den USA geprägte Regelauslegung, der in Hamburg auch der Ringrichter José Rivera aus Puerto Rico folgte, nimmt da viel in Kauf. Diesmal war es wohl nur eine Gehirnerschütterung, bald könnte es wieder ein Leben kosten.

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(SZ vom 30.9.2005)