Kommentar Es braucht keine Ehrenhalle

Die Debatte um den ehemaligen Radfahrer Täve Schur zeigt: Die "Hall of Fame" des deutschen Sports funktioniert nicht.

Von Johannes Aumüller

Ein wichtiger Teil des Mythos ist, wie so oft, ein Märchen. Dass sie den Radrennfahrer Täve Schur in der DDR anhimmelten, hatte ja nicht nur mit seinen Siegen bei WM oder Friedensfahrt zu tun, sondern auch mit einem Tag im August 1960. Da verzichtete er bei der WM auf dem Sachsenring auf Gold und ließ stattdessen den Teamkollegen Bernhard Eckstein siegen; so stellte es die DDR-Propaganda dar, so preisen es seine Fans bis heute. Aber so war es nicht, wie Schur Jahrzehnte später im Gespräch mit Neues Deutschland zugab. "Ich hätte es natürlich gerne gesehen, wenn ich da aus der Spitzengruppe noch alleine weggekommen wäre. Aber ich wusste genau, ich hatte keine Chance."

Kandidat Täve Schur lobt den DDR-Sport bis heute

Seit einer Woche schwelt erneut die Debatte, ob Schur in die "Hall of Fame" des deutschen Sports gehört, eine virtuelle Ehrenhalle mit derzeit 104 Mitgliedern. Es geht um die unbestrittenen sportlichen Erfolge Schurs einerseits - und um sein irritierendes Verhalten andererseits. Zeit seines Lebens war er ein Verfechter des DDR-Staates. 2011 wurde er deshalb nicht aufgenommen, nun ist er erneut vorgeschlagen. 93 Jury-Mitglieder - alle lebenden Mitglieder der Hall of Fame und diverse Sportpolitiker - stimmen darüber ab. In wenigen Tagen ist das Ergebnis da. Es wäre einfacher, würde Schur mit ein paar Jahrzehnten Abstand über die DDR jetzt ebenso anders reden wie über den Sachsenring-Tag; würde er Worte der Klarstellung, der Einsicht oder des Bedauerns finden. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Er verteidigt die DDR auch heute als 86-Jähriger, und mitten in der Debatte sagte er den Satz: "Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut." Das ist eine Verhöhnung der Opfer dieses menschenverachtenden Systems, der Zwangsgedopten, Bespitzelten und Ausgegrenzten. So etwas kann nur eine Disqualifikation sein, und es ist unverständlich, warum die Sporthilfe als Verantwortliche der "Hall of fame" das folgenlos geschehen lässt.

Es geht aber nicht nur um "Schur ja oder nein", es geht auch um die "Hall of Fame" als solche. Die gibt es seit knapp zehn Jahren, aber die Verantwortlichen müssten langsam eingestehen, dass sie in der aktuellen Form nicht funktioniert.

Die "Hall of Fame" soll eine Sammlung von Vorbildern sein, und gerade bei Sportlern sollte sich das nicht nur auf die Leistungsfähigkeit des Körpers beziehen, sondern auch auf die Geisteshaltung. Gewiss ist es ein Verdienst, dass die Sporthilfe an Personen erinnert, von denen sonst kaum die Rede ist: Nazi-Gegner wie Bahnsprinter Albert Richter oder mutige DDR-Protagonisten wie Langlauf-Trainer Henner Misersky. Aber zu viele Mitglieder taugen nicht zum Vorbild, weil sie Großes im Sport erreichten, aber ansonsten Fragwürdiges taten: Das reicht von Ex-NSDAP-Mitgliedern wie dem Reiter Josef Neckermann über Franz Beckenbauer bis zur DDR-Sprinterin Renate Stecher, die vom Staatsdoping profitierte und bis heute nicht darüber redet. Das passt einfach nicht zu einer Auszeichnung wie der "Hall of Fame"; da kann die Sporthilfe noch so oft betonen, es gehe auch um Brüche und Widersprüche einzelner Biografien.

Niemand hat etwas dagegen, Brüche und Widersprüche des Sports zu dokumentieren. Nur sollte die Sporthilfe dafür eine andere Form finden.