Kommentar Epo und Elektro

Es ist offensichtlich, dass sich beim Thema Motordoping im Radsport eine neue Betrugsdimension auftut. Technisch ist es machbar, kleine Antriebe im Rahmen unterzubringen, und was technisch machbar ist, wird sicher ausprobiert.

Von Johannes Aumüller

Die Liste der bemerkenswerten Doping-Erklärungen ist seit ein paar Wochen um eine moderne Variante reicher. Früher haben Radsportler positive Befunde mit viel Whiskey am Abend vor dem Rennen (Floyd Landis), einem auf Wunsch der Schwiegereltern eingenommenen Potenztee (Christian Henn) oder auch mit dem Konsum eines eigentlich für den Hund gedachten Asthmamittels (Frank Vandenbroucke) erklärt. Eine junge belgische Cross-Fahrerin namens Femke Van den Driessche hingegen bot kürzlich Folgendes an: Bei dem von ihr im Rennen benutzten Fahrrad handele es sich eigentlich um das Velo eines Freundes, das vor dem Start blöderweise auch am Mannschaftsbus gelehnt habe und das ihr der Mechaniker versehentlich zugeschoben habe.

Femke Van den Driessche gilt seit Januar als erste "Motor-Doperin" der Radszene. Bei der Cross-WM im Januar fanden die Kontrolleure in ihrem Rad einen kleinen Elektromotor. An diesem Mittwoch soll es das Urteil in dieser Causa geben, der Weltverband UCI fordert eine lebenslange Sperre und eine Geldstrafe in Höhe von 50 000 Euro. Van den Driessche gab ihren Widerstand offenkundig auf. Kurz vor der Verkündung der Strafe teilte sie mit, dass sie ihre Karriere beenden will. "Ein Freispruch ist unmöglich, das Fahrrad stand in meinem Materialposten", sagte sie: "Ich will mein Leben in Ruhe und Gelassenheit weiterführen."

Das Thema Van den Driessche dürfte damit beendet sein, das Thema Motor-Doping im Radsport eher nicht. Schon seit einigen Jahren glauben viele in der Szene, dass sich hier eine neue Betrugsdimension auftut. Technisch ist es machbar, kleine Antriebe im Rahmen unterzubringen, und was technisch machbar ist, wird sicher ausprobiert.

Die UCI hat diesem Phänomen den Kampf angesagt, und das ist natürlich nur zu begrüßen. Andererseits ist es auch ein dankbares Thema: Ein Chip im Tretlager oder ein Motörchen im Rahmen lässt sich durch konsequente Kontrollen allemal leichter nachweisen als die neueste Epo-Variante im Blut, von deren Existenz die Labore noch nicht einmal Kenntnis haben. Etwas befremdlich ist manche Reaktion aus der Branche zu diesem Thema aber schon. Elektro-Doping ist demnach ein ganz übler Betrug, der mit der Ehre einer so heroischen Sportart wie dem Radsport nun gar nicht vereinbar sei. Eine solche Abscheu wie gegen den Motor-Betrug wäre manchmal auch gegen das herkömmliche Doping wünschenswert.

Es braucht im Übrigen auch nicht viel Zynismus, um anzumerken, dass es im Zweifel besser sein könnte, wenn die Athleten sanft ihr Bike tunen, ehe sie sich mit Epo und anderem pharmakologischen Kram ihre Gesundheit ruinieren.