Kommentar Doping? Sie müssen es tun

Sprinter Justin Gatlin.

(Foto: AFP)

Zweimal war Sprinter Justin Gatlin schon wegen Dopings gesperrt, nun gibt es neue Vorwürfe. Die Essenz des Falles steckt in einem Satz seines Beraters.

Kommentar von Thomas Kistner

Gemein. Undercover-Reporter des britischen Telegraph haben Justin Gatlins Betreuer im Trainingslager reingelegt. Sie gaukelten Trainer Dennis Mitchell und Berater Robert Wagner vor, einen Leichtathletik-Film zu drehen, das Duo sollte dem Hauptdarsteller die übliche Pharmaversorgung angedeihen lassen. Gatlins Leute offerierten dem vermeintlichen Filmteam, Dopingmittel für 250 000 Dollar über einen Arzt in Wagners Heimat Österreich zu beschaffen, von Testosteron bis Wachstumshormon.

Der Sprint-Weltmeister bestreitet nun vehement, ein Doper zu sein. Mitchell wurde gefeuert, mit Wagner, erklärte Gatlins Manager, gebe es nur wenige Berührungspunkte. Wagner, in der Branche so vernetzt wie umwittert, übt sich nun selbst in der Rolle des Fallenstellers. Er habe nichts mit Doping am Hut und nur mitgespielt: "Ich wollte, dass sie anbeißen." Aha.

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Das erklärt nur keineswegs, warum er und Coach Mitchell über weitflächigen Dopinggebrauch plauderten, über Designerdrogen, die kein Test findet, oder warum Berater Wagner erzählte, dass Gatlin fleißig weiterdope; "jetzt gerade - und natürlich, sobald die neue Saison losgeht".

Die Sportinstanzen ermitteln, rauskommen dürfte nichts. Beweise liefert das Geplauder ja nicht. Aber das ist nicht das Entscheidende. Gatlin wurde zweimal, 2001 und 2006, überführt und gesperrt. Als er im Sommer bei der WM in London Usain Bolt in dessen letztem Rennen bezwang, wurde er ausgepfiffen und niedergebrüllt, er musste sich dafür rechtfertigen, als sei es sein dritter Sündenfall.

Müsste einer wie Gatlin nicht ganz besonders prüfen, mit welchen Leuten er sich umgibt?

Gatlin war stets der Schattenmann, mit dunklem Vorleben und mit einem Umfeld, das schon immer höchst anrüchig wirkte. Coach Mitchell hatte 1999 selbst gedopt. Damals begründete er seine Testosteronwerte mit exzessivem Sex und Alkoholgenuss. Wagners Liste an Klienten und Lebensgefährtinnen ist ein Thema für sich. So sieht es aus rund um Gatlin - dessen Freunde betonen, er sei immer nur Opfer just dieses Umfelds geworden. Müsste so einer nicht ganz besonders prüfen, mit welchen Leuten er sich umgibt?

Vielleicht ist es aber so, dass die Szene gar keine anderen Leute hergibt. Vielleicht ist Gatlins Problem ja einfach nur, dass ein Held wie Bolt nie Undercover-Besuche von Reportern erhielt: der wunderlichste aller Wunderläufer, der Heerscharen von gedopten Rekordläufern davoneilte. In dessen Trainings- und Kollegenumfeld jahrelang die Sünder wie Dominosteine wegkippten. Und dessen jamaikanischem Team bei den Peking-Spielen 2008, als Bolts Stern aufging, die Substanz Clenbuterol nachgewiesen wurde. Was aber das IOC nicht weiterverfolgen ließ.

Deshalb steckt die Essenz des neuen Falls Gatlin in diesem Satz seines Beraters: "Justin wird es tun, so wie jeder andere Sprinter in Amerika. Sie müssen es."

Das ist die Systemlogik in einem Sportgeschäft, in dem man sich ohne Angst vor effektiven Tests an Millionenbörsen herandopen kann. Das Schema Gut und Böse taugt nicht in einer Branche, die stetes Wachstum verlangt. Der Gute im Sport ist heute: der Professionellere. Frag nach bei Bolt, dem Unberührbaren. Oder in Top-Sportarten wie Fußball: Da würde es ein Filmteam gar nie bis ins Trainingscamp schaffen; echte Fahnder schaffen es heute nicht mal, den Hotelmüll zu ergattern. Und bei einer WM wie 2018 in Russland ernennt der Fußball seine Kontrolleure selbst. So, lieber Amateur Justin, funktioniert porentief reine Anti-Doping-Arbeit.

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