Fußball-EM Plötzlich berauscht sich Frankreich an sich selbst

Und jetzt die Krönung? Frankreichs Nationalspieler treffen im EM-Finale auf Portugal.

(Foto: Franck Fife/AFP)

Der Volkssport Fußball stand in Frankreich lange Zeit für Kleingeistigkeit und fehlende Manieren. Dass Deschamps' Team dieses Image gewandelt hat, verdient Belohnung.

Kommentar von Thomas Hummel

Um zu verstehen, wie das 2:0 gegen Deutschland die Haltung Frankreichs zum Fußball verändert hat, sollte man die Zeitung Libération lesen. In den vergangenen vier Wochen hat sie selten über die Europameisterschaft im eigenen Land berichtet - und noch seltener positiv. Nach den Randalen in Marseille zwischen Russen und Engländern wetterte das Blatt gegen die totalitäre Religion Fußball, in der Gewalt, Nationalismus und Vandalismus herrsche. Die Spieler seien überbezahlt, während sich öffentliche Haushalte für dieses Turnier verschulden müssten, die Zeitung forderte die Trennung von Fußball und Staat.

An diesem Samstag vor dem Endspiel der Franzosen gegen Portugal klingt das ganz anders: "Die Mannschaft symbolisiert die Erwartung, die Hoffnung, die Utopie eines Volkes, die kollektive Sehnsucht, dass eine vereinte, sympathische, einnehmende Nation wieder auferstehen möge. Also alles, was im Gegensatz zur Realität steht." Keine vier Wochen liegen zwischen zwei kaum miteinander vereinbaren Meinungen, doch so seltsam es anmutet: Sie bildeten jeweils recht genau die Stimmung des Landes ab. Plötzlich kann der Fußball das Land retten.

Die Fußballer haben eine neue Illusion geschaffen

Ob Frankreichs Fußballer das selbst bei einem Sieg im Endspiel von Saint-Denis zustande bringen, ist sehr unwahrscheinlich. Als 1998 im selben Stade de France eine multiethnische Gruppe unter dem Label "Black-Blanc-Beur" Weltmeister wurde, sollte sie für das friedliche Zusammenleben der Kulturen stehen. Mit den Unruhen in den verarmten Vorstädten 2005 und der Ankündigung des Präsidenten Nicolas Sarkozy, der Staat werde mit dem Kärcher mal richtig sauber machen, war diese Illusion dahin. Doch mit ihren Mitteln hat die französische Nationalmannschaft nun doch eine kleine eine neue Illusion geschaffen - sie hat die Fußball-Branche rehabilitiert.

Das Land tat sich mit seinen Fußballern jahrelang sehr schwer, der Volkssport stand für fehlende Manieren, Kleingeistigkeit und rohen Umgang. Es gab Momente, da schämte sich das ganze Land für seine Kicker. Nach dem Aufstand im südafrikanischen Knysna bei der WM 2010 gegen Trainer Raymond Domenech beschäftigte sich sogar das Parlament mit den ungezogenen Jung-Millionären. Als Franck Ribéry für die Wahl des Weltfußballers 2013 nominiert wurde, flogen Berichterstatter aus Paris nach München, um zu erkunden, wieso dieser Kerl dort so beliebt sein kann. Hatte er nicht eine Sexaffäre mit einer Minderjährigen?

Vor dieser EM geriet Stürmer Karim Benzema unter Verdacht, Teil einer Erpressung gegen Mitspieler Mathieu Valbuena zu sein. Es ging um ein Sex-Video. Michel Platini, hiesige Lichtgestalt: suspendiert von allen internationalen Funktionärsposten wegen Vorteilnahme in Millionenhöhe. Verteidiger Mamadou Sakho: wegen Dopings gesperrt.

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Deschamps hat die Allüren seiner Spieler unter Kontrolle

Obwohl Trainer Didier Deschamps Benzema und Valbuena auslud, hatte er immer noch genügend, nun ja, selbstbewusste Charaktere in der Mannschaft. Paul Pogba zum Beispiel, der zum Weltfußballer natürlich nur sich selbst wählen würde. Doch Deschamps gelang es mit Autorität und Geschick, all die Allüren unter der Decke zu halten. Er betont stets den Zusammenhalt, den Gemeinsinn, die harte Arbeit. Alt hergebrachte Werte. Seit dem Sieg gegen Deutschland feiert das Land mit ihm. Ekstase, Ruhm, Rausch - die Worte konnten nicht groß genug werden.

Die Angst ist nun groß, die Portugiesen könnten La Fête noch stören. Doch ein feiernder Cristiano Ronaldo mit nacktem Oberkörper und angespannten Muskeln, das würde nicht in die neue französische Realität passen.