Kommentar Die Kehrseite des Galopps

Mönchengladbach steckt in der dritten Phase der Saison: Nach krassem Fehlstart und folgender Aufholjagd sind nun viele Gegentore prägend.

Von Ulrich Hartmann

Thomas Tuchel sprach von "Männerfußball", Dortmunds Trainer hatte seine Mannschaft "reif" und "erwachsen" spielen sehen. Er sagte das mehrmals so explizit, dass man es irgendwie auch auf das Alter der blutjungen Gladbacher Abwehrspieler projizierte. Tuchels beste Spieler vom Wochenende sind Mitte Zwanzig: Hummels, Gündogan, Mkhitaryan, Reus. Alles Männer, reif und meistens erwachsen. Drei der überforderten Mönchengladbacher Defensivspieler dagegen sind jung: Andreas Christensen und Nico Elvedi sind 19, Mahmoud Dahoud ist 20. Ihre erfahrenen Kollegen Dominguez und Jantschke, mit denen Christensen die besten Innenverteidiger-Duos gebildet hat, sind verletzt. Granit Xhaka ist gesperrt. Gladbach steckt in der Generationenfalle.

Die bisher 18 Saisonspiele der Borussia lassen sich in drei sehr unterschiedliche Phasen einteilen: Zunächst fünf verlorene Spiele mit zwölf Gegentoren unter Lucien Favre, der sich daraufhin in sein Schweizer Bergdorf zurückzog. Dann acht Spiele ohne Niederlage und mit nur sieben Gegentoren unter dem neuen Trainer André Schubert. Zuletzt aber kassierten die Gladbacher in fünf Ligaspielen unter Schubert 14 Gegentore. Immerhin holten sie sieben Punkte.

Die Borussia vom Niederrhein feiert seit einigen Jahren die Rückkehr ihrer Fohlenelf. Das ist ein Begriff aus den Siebzigern, als Trainer Hennes Weisweiler mit jungen Spielern Erfolge feierte. Auch in den ersten acht Spielen unter Schubert bejubelten die Fans vor diesem vereinshistorischen Hintergrund juvenile Fußballer, die ihren Kontrahenten davongaloppierten. Doch der Spaß hat eine Kehrseite. Gladbach hat in dieser Saison 35 Tore geschossen - und hinten 33 kassiert, die zweit meisten der Liga. Dies ist das spektakuläre Missverhältnis in einer bisweilen famos aufspielenden Elf.

Schubert, 44, steht vor einer Grundsatz-Entscheidung: Wird er seine Fohlen taktisch bändigen, um die Gegentore zu minimieren und wieder mehr Stabilität zu gewinnen? Oder peitscht er sie weiter nach vorne, lässt sie hoch pressen und stürmen, als gäb's kein Morgen? Die mittelfristige Antwort wird vor dem Hintergrund lukrativer Europapokal-Teilnahmen auch vom Finanziellen beeinflusst.

Sportchef Max Eberl sagt oft, ihm gehe es nicht um spektakulär-attraktiven Fußball, sondern primär um Erfolg. Auf dieser Gratwanderung befeuerte er nun eine Debatte um die jungen Spieler: "Sie sind keine Nobodys mehr, sie dürfen Fehler machen-, aber sie sollen schnell daraus lernen." Der Erfolg der vergangenen Jahre hat die Gladbacher ungeduldiger gemacht. Auch Fohlenzüchter mögen eigentlich am liebsten Männerfußball.