Kommentar Der falsche Ton

Das Event-Klima rund um die deutsche Nationalmannschaft mutet schon seit geraumer Zeit zu steril an, aber für das Stimmungstief beim Freundschaftsspiel gegen England im Berliner Olympiastadion gibt es auch mildernde Umstände.

Von Klaus Hoeltzenbein

Das Berliner Olympiastadion hat es nicht leicht, es wurde ja schon geboren aus der Idee, die Leute einzuschüchtern. Es ist eine Architektur, in der der Mensch sich klein fühlen sollte, in der er bei Olympia 1936, dem dieser Zweckbau zunächst diente, als Fähnchen-schwenkende Kulisse missbraucht wurde. Man kann das jetzt einfach vergessen, verdrängen, das Stadion ist in die Jahre gekommen, es hat schon genug auszuhalten. Besonders die alltägliche Debatte, dass Hertha BSC ausziehen will, schnellstmöglich, was bei den Berliner Planungszeiten (Flughafen!) ein Vorhaben von Jahrzehnten wäre. Und jetzt auch diese neue Debatte, dass beim Länderspiel-Klassiker akustischer Rückenwind für die Deutschen vermisst wurde. 4000 Engländer gewannen den Song-Contest auf der Tribüne weit höher als nur 3:2. Germany? Zero Points!

Man kann den Gedanken an die Historie aber auch mal kurz zulassen, in Tagen wie diesen, in denen die Zuschauer auf dem gespenstisch dünn ausgeleuchteten Vorplatz geduldig die lange Wartezeit bis zur verschärften Einlasskontrolle über sich ergehen ließen. Und als diese passiert war, mit der Ansage zur Schweigeminute für die Toten von Brüssel konfrontiert wurden, dass man "dem Terror nicht dass Spielfeld über- lassen dürfe". Der Stadionbesuch hatte, gerade nach der terrorbedingten Länderspiel-Absage im November in Hannover, den Charakter einer Mutprobe. Dass es deshalb mit routinierten Jubel-Ritualen schwer werden würde, schienen die Chorleiter vom Fan-Club Nationalmannschaft geahnt zu haben, bevor sie ihr endlos langes Banner präsentierten: "Beim Einlaufen der Mannschaften die Papp- tafeln/Folienschnitte hochhalten."

Ob das alles so richtig ist, wie der DFB versucht, seine Stimmung zu organisieren, wird gerade beim Bundeskartellamt geprüft. Verhandelt wird der Vorwurf eines "Ausbeutungsmissbrauchs", weil die Ticketvergabe für die EM in Frankreich zunächst an eine Mitgliedschaft im Fan-Club Nationalmannschaft (powered by Coca-Cola) gekoppelt ist. Folglich wäre für den Ticketerwerb auch die Mitgliedsgebühr fällig. Der DFB begründet sein Verfahren mit dem Thema Sicherheit und einem Treue-Bonus für Fans.

Wer erleben muss, wie ein 2:0 in ein 2:3 kippt, der legt dann doch die Klatschpappe zur Seite

In der Tat mutet das Event-Klima rund um die Nationalelf schon länger etwas zu clean, zu steril, zu Sponsoren-orientiert an, aber für das Berliner Stimmungstief gibt es allerlei mildernde Umstände. Vier Jahre lang war die Nationalelf nicht mehr in der Hauptstadt, nachdem diese im Oktober 2012 Zeuge war, als sich gegen Schweden ein 4:0-Vorsprung in ein 4:4 verwandelte. Wer nun auch noch erleben muss, wie ein 2:0-Vorsprung in ein 2:3 kippt, der legt vielleicht doch die Klatschpappe zur Seite. Und nimmt sich das Recht jeder Zahlkundschaft und pfeift mal auf den Fingern.

Wer zudem meint, einen Song-Contest gegen vorgeglühte Engländer, Schotten oder Iren wagen zu wollen, hat schon vor dem ersten Ton verloren - sie haben auf der Insel einfach die besseren Lieder. Und dass eine kleine, aber homogene Gruppe oft leidenschaftlicher feiert, als ein große, heterogene, das muss dann sogar der FC Arsenal erfahren, wenn der BVB-Chor ("Ohne Dortmund ist hier gar nichts los!") ihn in London besucht.

In wenigen Wochen könnte sich wohl auch Thomas Müller fürs kalte Olympiastadion erwärmen. Nach Abpfiff hatte er geklagt: "Die Fans haben sich unserem Spiel angepasst - oder anders herum." Die Zuschauer jedoch dafür in die Verantwortung zu nehmen, dass Özil, Reus, Schürrle wie auch er einen schlecht temperierten Tag erwischten, zielt in die falsche Richtung. Aber auch Müller wechselt in Kürze zurück in den Verein, und da muss er mit dem FC Bayern nur noch ein Spiel, das Pokal-Halbfinale gegen Werder Bremen, gewinnen, dann darf er wieder nach Berlin. Dann ohne Angst vor einem Klimaschock, denn deutschen Cup-Finalisten geht es wie den Engländern: Sie bringen ihren Chor selber mit.