Nach drei Siegen in Folge befindet sich der krisenerprobte 1.FC Köln im gesicherten Mittelfeld der Liga mit Blick nach oben - und kann es selbst nicht so recht glauben.
Als der Trainer Christoph Daum am Samstagmorgen vor dem Heimspiel gegen Energie Cottbus aufwachte, empfing ihn ein beunruhigender Gedanke: "Um Gottes Willen", fuhr es ihm durch den Kopf, "wir sind in der Favoritenrolle." Der 1.FC Köln in der ersten Liga unter Favoritendruck - das ist für den Klub und das rheinische Publikum ein Zustand, den man erst wieder erlernen muss.
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Neuerdings Kapitän, Vorbild und Motivator beim 1.FC Köln: Stürmer Milivoje Novakovic, der gegen Cottbus seinen fünften Saisontreffer erzielte. (© Foto: Getty)
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Demnach muss Daum in der Nacht zu Sonntag aufs Tiefste besorgt ins Bett gestiegen sein, denn nach dem 1:0 (1:0) zogen seine Kölner in der Tabelle - zumindest vorläufig - eine Phalanx von Elitevereinen hinter sich her: Schalke, Bremen und Bayern München: "Wenn das an Weihnachten immer noch so ist, dann werden wir uns eine Weihnachtskugel mit dem Tabellenbild basteln", versicherte Michael Meier.
Mit beiden Beinen auf dem Boden
Für den Kölner Manager hat die gegenwärtige Rangordnung also den Wahrheitswert eines Weihnachtsmärchens: schön, aber fiktiv. Es gehört jetzt zu den vorderen Pflichten der FC-Verantwortlichen, den Eindruck zu erwecken, dass alle Mann im Verein mitten im realen Leben stehen - auch wenn es den Leuten vom FC schwer fällt, nicht jeden Tag vor Freude in Kölsch zu baden.
Damit hatte ja vor wenigen Wochen, als der FC wegen des verlorenen Pokalspiels in Mainz in Selbstzweifeln versank, niemand gerechnet: Dass es demnächst mal drei Siege hintereinander geben könnte; dass nach einem knappen Viertel der Saison der Abstand auf die Abstiegszone mindestens sieben Punkte beträgt; dass die Mannschaft ein mutmaßlich nervenaufreibendes Spiel gegen Cottbus souverän gewinnt; dass der Angreifer und berüchtigte Altstadt-Lebemann Milivoje Novakovic in Erfüllung seiner Kapitänspflichten von Präsident Wolfgang Overath und anderen zum Vorbild für die Jugend erklärt wird.
Staatsmann Novakovic
Der Wichtigkeit und Würde seines Amtes bewusst, kam Novakovic als Letzter aus der Kabine und teilte die Parolen mit, die ein großer Staatsmann in dieser Lage sagen muss: "Müssen noch besser werden ... müssen am Boden bleiben" und so weiter. Sein fünftes Saisontor widmete der Slowene den Fans - und dem Physiotherapeuten Trzolek als Dank für die gute Behandlung des schmerzenden Oberschenkels. Außer durch sein Tor ist Novakovic vor allem dadurch aufgefallen, dass er die Mitspieler gestenreich befehligte und schimpfend ihre Aufmerksamkeit einforderte.
Manchmal wirkte er zwar wie ein übereifriger Polizist, dennoch kann man wohl sagen, dass es eine kluge Idee des Trainers war, den oft selbstbezogenen Angreifer zum Anführer zu befördern. Es nimmt ihn in die Pflicht und dient seinem Verlangen nach Stolz und Ehre. Sein Tor (39. Minute) hätte Novakovic auch ohne die Kapitänsbinde erzielt, es war fällig für die stark überlegenen Kölner. Wie ein Stau hinter der Unfallstelle hatte sich das zunächst zähe Spiel aufgelöst, nachdem der Cottbuser Abwehrspieler Igor Mitreski die rote Karte für ein aufsehenerregendes Foul an Ehret erhalten hatte (29.). Mitreski wusste, was er angerichtet hatte, er bat später umfassend um Vergebung: "Tschuldigung für Mannschaft, für Ehret, für alle", sagte er.
Köln vertrieb sich die Zeit bis zum Schlusspfiff mit langen Ballpassagen und dem Verschwenden toller Torchancen. Am Ende gab es einen Klatschmarsch der Zuschauer, die sich für einen entspannten Nachmittag bedankten. Beim FC eröffnet die Abwesenheit von Sorgen ein ganz neues Lebensgefühl.
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(SZ vom 20.10.2008/JBe)