Klinsmann und die US-Nationalmannschaft Klassenfahrt nach Brasilien

US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann in der Arena da Amazônia im brasilianischen Manaus

(Foto: REUTERS)

US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hat mit seiner Mannschaft "Brasilienreise" gespielt. Das Team testete nicht nur Hotel und Trainingsplätze. Die Spieler sollten auch schon einmal die Eigenheiten des WM-Gastgeberlandes kennenlernen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Lehrer nutzen im Erdkunde-Unterricht gerne das Brettspiel "Deutschlandreise", um ihren Schülern spielerisch zu vermitteln, dass in Heidelberg das größte Weinfass der Welt steht, dass es in Ulm ein Brotmuseum gibt und dass Nicht-Ostfriesen im Rathaus von Leer ein Visum bekommen. Inzwischen gibt es zahlreiche Ableger dieses Spiels, Jürgen Klinsmann hat sich gerade eine Live-Variante ausgedacht: Er hat mit der amerikanischen Nationalelf "Brasilienreise" gespielt. "Ich nenne das Turnier im Sommer Weltmeisterschaft in Geduld, weil es wegen des brasilianischen Lebensstils Überraschungen geben wird", sagt Klinsmann: "Es kann Verzögerungen und logistische Herausforderungen geben - mit Hotels, Trainingsplätzen, Stadien und vielen anderen Dingen."

Spieler und Verantwortliche haben deshalb jetzt zwei Wochen lang in dem Hotel gewohnt, in dem sie auch vor und während der WM untergebracht sein werden. Sie übten auf den Feldern des FC São Paulo, nach den Einheiten schickte Klinsmann die Spieler los, damit sie die Eigenheiten des WM-Gastgebers kennenlernten. Sie haben dabei gemerkt, dass es in São Paulo herausragend präparierte Trainingsplätze gibt, dass rund um die Stadt Manaus (Austragungsort der Partie gegen Portugal am 22. Juni) ein prächtiger Regenwald wächst und dass es in Recife (gegen Deutschland am 26. Juni) ziemlich heiß werden kann.

Sie haben auch gesehen, dass Brasilien ein wahnsinnig großes Land ist - die Amerikaner werden während der Vorrunde in elf Tagen 15 000 Kilometer zurücklegen. Und sie haben gemerkt, dass in Brasilien gerne mal ein Gepäckstück übersehen oder eine Reservierung vergessen wird. "Wir haben jetzt ein Gefühl dafür, was uns im Sommer erwartet", sagt der US-Nationalverteidiger Omar Gonzalez: "Klinsmann hat uns gesagt: 'Jungs, gewöhnt Euch daran, dass hier nicht alles perfekt sein wird.' Wer das schon mal erlebt hat, der kann einen kleinen Vorteil haben."

Fans sind begeistert von Klinsmann

Amerikanische Sportorganisationen sind bekannt für ihre Akribie, es gibt Vereine, die in ihren Trainingshallen die klimatischen Bedingungen am kommenden Spielort simulieren. So etwas gefällt Klinsmann, der ja ohnehin weniger ein Lehrer ist, der seine Schüler jeden Tag ein bisschen klüger macht. Er ist ein Rektor, der die Schule erst einmal auseinandernimmt und danach einen effizienten Stundenplan und schicke Statuen am Eingang präsentiert. Vor allem schafft Klinsmann durch öffentliche Durchsagen (Motto der Amerikaner für die WM: "One Nation, One Team") und Gespräche im Direktorenbüro, dass alle Schüler tatsächlich daran glauben, eine Elite-Bildungsstätte zu besuchen.

"Klinsmann ist ein Perfektionist, seine Begeisterung ist ansteckend, jeder Spieler kommt gerne zur Nationalelf", sagt Gonzalez. Sie mögen ihren Schulleiter, und wegen der Jahresbilanz 2013 (mit 16 Siegen die beste in der Geschichte) sind nun auch die Fans begeistert. Am Samstag wurde in Los Angeles das beinahe einen Monat dauernde Trainingslager mit einem Testspiel gegen Südkorea abgeschlossen. Als die Mannschaften vorgestellt wurden, jubelten die 27 000 Menschen zwei Mal besonders laut: als Landon Donovan angekündigt wurde, Musterschüler des in Los Angeles ansässigen Vereins Galaxy - und bei der Vorstellung von Jürgen Klinsmann.

Die Amerikaner gewannen die Partie durch zwei Treffer von Chris Wondolowski 2:0. Der sportliche Wert des Spiels darf durchaus angezweifelt werden, weil bei beiden Teams die in Europa beschäftigten Profis fehlten. Es war eher so eine Art Zwischenprüfung für jene Schüler, deren Versetzung gefährdet ist - und doch war zu sehen, wie sich Klinsmann die Klassenfahrt nach Brasilien und die Partien gegen Ghana, Portugal und Deutschland vorstellt: den Gegner austoben lassen und ihn dann mit schnellen und präzisen Gegenangriffen zu übertölpeln.

Ziel: K.-o.-Runde

Südkorea hatte mehr als 60 Prozent Ballbesitz, kam aber nur dann zu Chancen, wenn sich die Amerikaner Fehler bei der Spieleröffnung leisteten. Dann jedoch stand Klinsmann erzürnt an der Seitenlinie wie ein Lehrer, dessen Schüler beim 100. Versuch immer noch nicht korrekt subtrahieren können. "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die K.-o.-Runde erreichen werden", sagt Klinsmann - und fügt an: "Und ich glaube, dass wir dann auch in der Lage sind, andere Nationen zu ärgern."

In den USA werden solche Aussagen keineswegs als schönfärberisch eingeschätzt, sondern als treffende Einschätzung der Realität. Bis Mai gibt es nur noch einen offiziellen Termin der Fifa, bei dem alle Akteure von den Vereinen angefordert werden können, die Amerikaner spielen am 5. März in Charkow gegen die Ukraine. Dann hat Klinsmann auch jene Akteure zur Verfügung, die dafür sorgen könnten, dass sein Projekt am Ende tatsächlich das Elitesiegel verliehen bekommt (Viertelfinalisten werden in den USA "Elite Eight" genannt): Dann ist Towart Tim Howard dabei, ebenso Jermaine Jones, Fabian Johnson, Michael Bradley und Clint Dempsey.

"Wir haben dann nur 48 Stunden Zeit und nur ein Spiel", sagt Klinsmann: "Der Fokus liegt in der Beobachtung der Spieler in den Klubs. Wir haben Andreas Herzog in Wien und Matthias Hamann in Deutschland, beide sind jedes Wochenende unterwegs. Wir werden viel mit den Vereinstrainern sprechen, um zu erfahren, wie die Spieler trainieren und sich außerhalb des Spielfeldes verhalten." In den nächsten Monaten plant Klinsmann also weitere Varianten des wunderbaren Brettspiels, weil seine WM-Kandidaten bei Vereinen in elf Ländern angestellt sind. Der Rektor schickt seine Lehrer Herzog und Hamann auf Europareise.