Kinesio-Tape bei Mario Balotelli Glückskleber statt Heilsbringer

Vorne ein versteinerter Blick, hinten bunte Pflaster auf der Lende: Bemerkenswert war nicht nur Mario Balotellis Gesichtsausdruck, sondern auch sein getapter Rücken im EM-Halbfinale. Die Klebestreifen sollen die Durchblutung fördern und Schmerzen lindern - doch belegt ist der medizinische Nutzen bisher nicht.

Von Werner Bartens

Früher waren sie gelb und hingen in der Küche von der Decke, um Fliegen ins Verderben zu locken. Heute gibt es sie so schreiend bunt - bevorzugt in Baby-Pink oder Hellblau -, dass jedes ostereierfarbige Radlertrikot dagegen blass aussieht. Die als Kinesio-Tapes bezeichneten Klebestreifen sind elastisch, etwa drei Zentimeter breit und unterschiedlich lang, so dass der ganze Körper damit verunstaltet werden kann.

Italiens Mario Balotelli: Bei ihm sind selbst die Pflaster exzentrisch.

(Foto: AP)

Was Italiens Stürmer Mario Balotelli im Bereich der Lendenwirbelsäule entblößte, nachdem er das 2:0 gegen Deutschland erzielt hatte, erinnerte jedoch eher an Werbung für eine Sportartikelfirma aus Herzogenaurach als an ein medizinisches Hilfsmittel.

Der Theorie nach sollen die luftdurchlässigen Klebestreifen Lymph- und Blutfluss anregen, sowie "den Muskeltonus regulieren". Zudem erhoffen sich Menschen, die so etwas aufkleben, dass sie ihre Bewegungen und Belastungen besser wahrnehmen und sogar Schmerzen in Muskeln oder Gelenken dadurch gelindert werden.

Ersonnen hat die bunten Bänder der japanische Chiropraktiker Kenso Kase in den siebziger Jahren. Nachdem sie bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking Teams aus 58 Ländern zur Verfügung gestellt und von einigen Spitzensportlern getragen wurden, setzten sich die Rallye-Streifen auch im Breitensport durch. Bei jedem Volkslauf sieht man mittlerweile verklebte Menschen durch die Stadt rennen.

Allein, der wissenschaftliche Beweis für die angegebenen Wirkungen steht trotz mehr als 100 Studien aus. Über den Placebo-Effekt hinaus und die damit verbundenen subjektiv erlebten Verbesserungen hat sich kein Vorteil der Klebe-Therapie nachweisen lassen. "Das hilft nicht wirklich, aber man hat wohl das Gefühl, eine bessere Kontrolle über die abgeklebten Muskeln zu haben", sagt Martin Halle, Chef der Sportmedizin an der TU München: "Da wird nichts gestützt. Und bei dem Kreuz, das Balotelli hat, was sollen diese kleinen Streifen schon anrichten?"

Immerhin lassen sie sich leichter entfernen als die Tätowierungen, mit denen viele Fußballer ihren Körper verunstalten. Diskutiert wird in der Fachwelt noch, ob die Streifen - an der richtigen Stelle am Rücken angebracht - über unbekannte Energiebahnen einen versteinerten Gesichtsausdruck beim Torjubel auslösen.

"Simply the chest"

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