Kerber und Görges in Wimbledon "Ein deutsches Finale wäre natürlich schön gewesen"

Forschheit gegen Abgeklärtheit: Angelique Kerber wählte gegen Jelena Ostapenko die richtige Herangehensweise.

(Foto: Andrew Couldridge/Reuters)
Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Dieser besondere Tag, an dem es für zwei Deutsche um den Einzug ins wichtigste Finale des Tennissports gehen sollte, begann mit einer Enttäuschung. Während die Royal Box und die Tribünen im Centre Court sich langsam füllten, stolzierte ein Vogel mit langen, dünnen Beinen auf dem Hauptplatz umher. Wo war Rufus, wenn man ihn brauchte? Der dressierte Wüstenbussard, der in Wimbledon morgens seine Runden dreht, um anderes Gefieder zu verscheuchen, war weit und breit nicht zu sehen. Glücklicherweise verzog sich der kleine Besucher von allein, und nach Lage der Dinge hatte er keinen Schaden angerichtet, so dass pünktlich um 13 Uhr Ortszeit die beiden ersten Duellantinnen erscheinen konnten.

Liebesentzug macht Djokovic gefährlich

Während Roger Federer und Rafael Nadal in Wimbledon verehrt werden, muss Novak Djokovic um Anerkennung kämpfen. Jetzt ist er so motiviert und stark wie lange nicht mehr. Von Gerald Kleffmann mehr ...

Vorneweg marschierte Jelena Ostapenko, dahinter Angelique Kerber, und das war schon fast sinnbildlich die Rollenverteilung, die im Spiel vorherrschen sollte. In ihrem ersten Wimbledon-Halbfinale drängte die Lettin nach vorne, und die Kielerin, in ihrem dritten Halbfinale im All England Club, agierte von hinten. Angriff gegen Defensive, Forschheit gegen Abgeklärtheit, in ihren Anlagen können zwei Gegnerinnen kaum unterschiedlicher sein.

Kerber jubelt erneut in Wimbledon

Es war, das zeigte sich schnell, die perfekte Taktik. Für Kerber, die jubeln durfte. Ihre Kollegin Julia Görges schaffte es anschließend nicht, das erste deutsche Endspiel in Wimbledon seit 1931, als Cilly Aussem Hilde Krahwinkel besiegte, perfekt zu machen. Bei ihr lag es aber nicht an der falschen Ausrichtung. Die 29-Jährige, die ein wunderbares Turnier gespielt und erstmals ein Halbfinale bei einem der vier Grand Slams erreicht hatte, scheiterte 2:6, 4:6 an der 23-maligen Grand-Slam-Gewinnerin Serena Williams aus den USA. Ostapenko tappte in der ersten Partie am Donnerstag in ihre eigene Offensivfalle.

Anderson raubt Federer die Leichtigkeit

Roger Federer gehört zu den Briten wie die Pubs - nun scheitert er in Wimbledon im Viertelfinale am Südafrikaner Kevin Anderson. Doch der Schweizer zeigt sich stark im Verlieren. Von Gerald Kleffmann mehr ...

Ungestüm streute sie die Bälle, es dauerte nur 68 Minuten, da war ihr Schicksal besiegelt: Die 21-Jährige verpasste ihr zweites Grand-Slam-Finale, 2017 hatte sie bei den French Open triumphiert. Kerbers 6:3, 6:3-Sieg war unprätentiös und nur kurz spannend, als Ostapenko nach dem 1:5-Rückstand im zweiten Satz etwas herankam. "Es war ein hartes Match, Jelena kämpft immer bis zum letzten Punkt", sagte Kerber im ersten Interview: "Den musst du gewinnen, anders geht es nicht. Ich bin wirklich glücklich und stolz, hier wieder im Finale zu stehen. Das war mein Traum, seitdem ich ein Kind war."

Letztgenanntes stimmte sicher. Aber dass es ein hartes Match war, dieses Urteil entsprang wohl dem Anliegen, fair und freundlich gegenüber der Unterlegenen sein zu wollen. Die fehlende Spannung lag nicht an Kerber, der Rechtshänderin, die mit links spielt und nun ihre zweite Chance nach 2016 erhält auf die Rosewater Dish, den silbernen Präsentierteller. 36 unerzwungene Fehler unterliefen Ostapenko, Kerber nur sieben. Sie verwaltete cool ihre Führung und ließ sich nicht von 30 Gewinnschlägen Ostapenkos beirren.

Kerber wusste: Der nächste Fehler kommt. Bei 126 ausgespielten Punkten dauerten die Ballwechsel 84 Mal nicht länger als vier Schläge. Und bloß sechsmal kam es vor, dass ein Ballwechsel sich über neun oder mehr Schläge zog. Wenn diese Alles-oder-nichts-Strategie von Ostapenko aufgeht, sieht es spektakulär aus wie ein Kanonenschießen.