Katar und die Fußball-WM 2022 Auf Sklaverei gebaut

Es kursieren furchtbare Geschichten über die Behandlung von Gastarbeitern in den ölsatten Golfstaaten. In Katar leben 225.000 Staatsbürger von der Arbeit von 1,8 Millionen Migranten. Für die Vorbereitungen für die Fußball-WM 2022 werden Hunderttausend weitere kommen. Und sterben, wöchentlich, täglich.

Von Sonja Zekri, Kairo

Es war ein besonders furchtbarer Fall, aber das Opfer überlebte, immerhin. 13 Nägel und fünf Nadeln entfernte der Arzt aus dem Körper von Lahanda Purage Ariyawathie. Ein saudisches Ehepaar, Lahandas Arbeitgeber, hatte das Metall in ihren Körper getrieben, in Beine, Hände, Stirn. "Die Frau erhitzte die Nägel und der Mann schlug sie in meinen Körper", erzählte Ariyawathie zurück in ihrer Heimat Sri Lanka. Sie arbeitete fast rund um die Uhr, ohne Pause, ihren Pass behielt das Ehepaar, wie üblich bei Wanderarbeitern in den Golfstaaten. Aber sie hatte noch Glück.

Im Januar wurde ein Kindermädchen aus Sri Lanka in Saudi-Arabien hingerichtet, weil es den kleinen Sohn der Arbeitgeber erdrosselt haben soll. Sie gab an, das Kind habe sich verschluckt, zum Zeitpunkt der Tat sei sie noch nicht volljährig gewesen. Menschenrechtler wiesen darauf hin, dass ihr Geständnis erzwungen wurde. Umsonst. Die Frau wurde geköpft.

1,5 Millionen Migranten arbeiten allein in Saudi-Arabien, meist Asiaten, die Frauen als Hausangestellte. Die sechs Golfstaaten gehören zu den reichsten Ländern der Welt. Aber ihr Wohlstand ruht auf den Schultern eines stetig wachsenden Heeres von Wanderarbeitern. Vor vierzig Jahren war ihr Anteil an der Bevölkerung noch verschwindend gering, heute liegt er bei mehr als 43 Prozent. Das Öl hat diese Region reich gemacht, die Staaten nutzen die Einnahmen aus den Rohstoffen, ohne selbst produktiv zu sein. Keine andere Region der Welt nutzt die Dienste von so vielen Gastarbeitern. Manche sagen: von Sklaven.

Es sind ja nicht nur die haarsträubenden Schicksale von gequälten Hausmädchen wie Lahanda. Katar hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Ein Volk von 225 000 Staatsbürgern lebt von der Arbeit von 1,8 Millionen Migranten. Und dieses Verhältnis wird sich noch zuspitzen, denn gerade baut sich Katar eine Sportlandschaft mit Straßen, Hotels und Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022. Die WM wird womöglich im Winter stattfinden, weil die Sommertemperaturen bei mehr als 50 Grad liegen. Zu heiß für die Fußballer, aber nicht zu heiß für die Arbeiter, jedenfalls nach Ansicht der katarischen Bauunternehmer. Eine halbe Million Arbeiter wurden angeheuert, Hunderttausend weitere werden folgen. Und sterben, wöchentlich, täglich.

84 indische Gastarbeiter starben in den ersten fünf Monaten dieses Jahres, 700 in den vergangenen zwei Jahren, 44 Arbeiter aus Nepal kamen zwischen Anfang Juni und Anfang August um, so zitiert der britische Guardian Erkenntnisse des Internationalen Gewerkschaftsverbandes. Ändern die katarischen Behörden nichts und kommen tatsächlich weitere 500.000 Arbeiter ins Land, die unter ähnlichen Bedingungen leben müssen, dann könnten jährlich 600 Arbeiter ums Leben kommen.

So wie der Nepalese Chirari Mahato, der von sechs Uhr morgens bis sieben Uhr in einer Gluthölle arbeitete, die bereits ohne körperliche Bewegung eine Qual ist, der in einem heißen, schmutzigen Loch lebte, gemeinsam mit zwölf anderen. Viele Arbeiter dürfen nicht genug Wasser trinken. Das Essen ist schlecht, die hygienischen Bedingungen sind abstoßend. Mahato starb im Schlaf - es war die WM, die ihn umbrachte.