Kahn tritt zurück Griesgram der Herzen

Oliver Kahn erklärt die Vergangenheit für bewältigt: Er ist zwar nicht Weltmeister, tritt aber in Frieden zurück.

Von Christof Kneer

Salomon Olembe hat diese Szene niemals gesehen. Man darf das traurig finden, denn diese Szene hätte ihm bestimmt geholfen, das Trauma seines Lebens zu verarbeiten. Die Szene geht so, dass Oliver Kahn in einem Flugzeug hoch über dem japanischen Meer aufsteht und sich durch die Sitzreihen zwängt.

Kahn tritt zurück

Oliver Kahn Sekunden nach dem Ende des WM-Finales 2002.

(Foto: Foto: dpa)

Er muss sich zwängen wie ein ganz normaler Mensch, er kann nicht fliegen oder irgend so etwas. Er hat zwar wieder seine magische gelbe Brille auf, aber die hilft ihm jetzt auch nicht weiter. Einmal, als eine Stewardess mit einem Servierwagen vorbeikommt, muss er sich sogar ein wenig an die Wand quetschen. Und dann geht er aufs Klo.

Oliver Kahn muss aufs Klo, er ist ein Mensch, ein Irdischer, einer von uns, das hätte Salomon Olembe früher wissen müssen. Vielleicht wäre er dann ein paar Stunden zuvor nicht so verängstigt auf Kahns Tor zugelaufen, in Shizuoka, im dritten Vorrundenspiel der WM 2002.

Wie Ronaldo heranrauscht . . .

Er stand ja völlig frei, er hätte Kamerun in Führung und ins Achtelfinale schießen können, aber dann befiel ihn die Angst vor dem bösen Blick. "Oh, ich hatte so viel Respekt vor diesem Kahn", stöhnte Olembe hinterher.

Er hat dann nur noch ein Schüsschen zuwege gebracht, jeder Kreisligatorwart hätte diesen Ball gehalten, und doch ist das vielleicht die größte Parade im Leben des Oliver Kahn gewesen. Für Momente hatte er es geschafft, Ball und Gegner seinen Willen aufzuzwingen. Er hatte sich dieses Spiel untertan gemacht, kraft seines Kahnseins gehörte es ihm und niemandem sonst.

Sie sind am späten Samstagabend alle noch mal da gewesen in der Interviewzone im Stuttgarter WM-Stadion, der Olembe, die komische gelbe Brille, das Flugzeugklo. Den Nationalspieler Kahn kann man nur über die Vergangenheit begreifen, und der Samstagabend in Stuttgart war der Moment, da er diese Vergangenheit offiziell für bewältigt erklärt hat.

Er hat vor laufender Kamera seinen Rücktritt aus der Nationalelf verkündet und sich zur Feier des Tages eine letzte kleine Überhöhung gegönnt. "Das Spiel heute Abend war das besonderste überhaupt", sagte Kahn in kühner Wortneuschöpfung, "dieses Spiel wird höchstens durch das WM-Finale 2002 getoppt."

Kein Getriebener mehr

Das WM-Finale. Es ist dieses eine Spiel, das Kahn seit vier Jahren verfolgt. Noch heute sieht man ja, wie der Schuss des Brasilianers Rivaldo tückisch durch die feuchte Abendluft von Yokohama glitscht; wie Kahn fangbereit zu Boden sinkt; wie er den Ball schon sicher hat und wie er ihm auskommt, irgendwie.

Wie Kahn aufspringt, hinterherspringt, umsonst springt. Wie Ronaldo heranrauscht, einschiebt und verschwindet unter dieser brasilianischen Jubeltrubelpyramide. "In vier Jahren kann schon wieder alles anders aussehen", hatte Kahn nach dem Spiel hervorgepresst, es klang wie eine Drohung damals. Pass bloß auf, Schicksal, du hast keine Chance gegen mich, den Titel hol' ich mir zurück!

Es hat wirklich anders ausgesehen, vier Jahre später in Stuttgart. Kahn hat wirklich einen Titel geholt, einen klitzekleinen nur und das auch nur als Nummer zwei, aber immerhin. Er ist jetzt WM-Dritter.

Vor vier Jahren hätte er nur geschnaubt, wenn man ihm dieses Titelchen zum Trost gereicht hätte, er hätte das Titelchen verächtlich weiterverschenkt, vielleicht sogar an Salomon Olembe. Aber die Psychologie des Fußballs ist eine besonderste, wie Kahn möglicherweise sagen würde, und so hat sich das Titelchen durch die letzten Monate mit einiger Magie aufgeladen.

Dritter ist weniger als Zweiter, aber anders als 2002 bedeutet Dritter auch, dass man ein - wenn auch kleines - Finale gewonnen hat. Und nicht ein großes verloren.

Oliver Kahn, 37, kann jetzt in Frieden gehen, er hat sich das zumindest so zurechtinterpretiert. "Ich habe alles er-lebt. Ich kann mit mir selbst im Reinen das Thema Nationalmannschaft abschließen und mich auf den FC Bayern konzentrieren. Mein Ziel war es, Weltmeister zu werden, das habe ich knapp verpasst.

Bei der nächsten WM 2010 wäre ich 40, das ist mit zu viel Arbeit verbunden", hat er hinterher gesagt. Es war der altersweise Kahn, der da sprach, aber so altersweise kann keiner sein, als dass einen das Ende der eigenen Legende nicht doch ein wenig überwältigen würde. Man hat ihm beim Abspielen der Nationalhymne nur in sein Druckgesicht schauen müssen, um zu begreifen, was in Oliver Kahn passiert.

Er hat ja schon gewusst, dass dieses 86. sein letztes Länderspiel sein würde, er hat das "vor ein paar Tagen" beschlossen. Früher, als er noch die Nummer eins war oder sich dafür hielt, sind beim Absingen der Hymne aus seinem tiefe Tunnel immer ein paar Brummer nach draußen gedrungen. Diesmal schwieg Kahn, und in seinem Druckgesicht zuckte es.

Später, als ihm schon die Bronzeplakette um den Hals baumelte, stand er versonnen im jubelbevölkerten Innenraum, er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und besah sich die Feierlichkeiten auf der Anzeigetafel, so, als habe ihn jemand da hineinretuschiert und in Wahrheit gehöre er gar nicht dazu.

Dann aber hat er als erster den Kreis der Fotografen durchbrochen und eine private Ehrenrunde gestartet, und die Leute haben ihm zugejubelt, als hätte es all die Bananen und Golfbälle niemals gegeben.

Oliver Kahn ist jetzt der Torwart der Herzen, das hätte man vor drei Monaten auch noch nicht gedacht. Er hat in diesem kleinen Finale ein großartiges Spiel gemacht, unter anderem hat er in der 63. Minute bei einem Schuss von Deco einen Reflex aufgeführt, auf den auch der Kahn von 2002 stolz gewesen wäre.

Aber das war noch gar nichts gegen die Reaktion, die Kahn am 10. April 2006 zeigte. An jenem Montag hat er seine Teilnahme an der WM verkündet, diese Pressekonferenz ist sein bestes Spiel überhaupt gewesen, und das Spiel hört jetzt gar nicht mehr auf. In den letzten sieben Wochen, auf der langen Strecke von Sardinien über Genf und Düsseldorf bis Berlin, ist aus Kahn, der Mutter aller Würger, eine Art Vater Teresa geworden.

Er hat sich ja sehr schnell häuslich eingerichtet in seiner Rolle als milder Ratgeber, er hat die Vorzüge seiner Rolle schnell erfasst. Nicht nur, dass die Nation den alten Griesgram plötzlich ins Herz geschlossen hat; Kahn hat schnell gemerkt, dass ihm die vermeintlich passive Rolle auf der Bank ungeahnte Freiheiten verschafft.

Seitdem er sich damit abgefunden hat, dass er als Nummer eins nicht mehr Weltmeister werden kann, ist er kein Getriebener mehr. Dieses eine, dieses verfluchte Ronaldo-Tor zwingt ihn zu nichts mehr, es hat keine Macht mehr über ihn. Die Macht hat jetzt er selbst, es ist fast noch mehr Macht als 2002, als er, der Torwart, eine ganze Mannschaft fast im Alleingang zum WM-Titel pariert hätte.

Was er jetzt hat, ist die Macht, den Zeitpunkt seines Rücktrittselbst zu definieren; die Macht, seinen Eintrag ins Geschichtsbuch selbst zu bestimmen. Dort wird nun nicht stehen, dass Kahn nur Zweiter und Dritter geworden ist. Dort wird stehen, dass er ein großer, deutscher Torwart und Diplomat war, aber ein irdischer. Und vielleicht, dass auch er manchmal aufs Klo muss.