Juventus Turin - FC Bayern 2:2 Lächelnde Kampfhunde

Unglückliche Figur: Joshua Kimmich ist aus unmittelbarer Nähe Augenzeuge, wie Stefano Sturaro das 2:2 für Juventus Turin gelingt.

(Foto: ActionPictures/imago)

Ein Erfolg oder doch ein Ärgernis? Der FC Bayern pendelt im Achtelfinal-Hinspiel gegen Juventus Turin zwischen den Extremen. Das lässt beide Mannschaften auf das Rückspiel hoffen.

Von Benedikt Warmbrunn, Turin

Der Abend endete mit einem letzten Zweikampf. Es war total unnötig, es war noch einmal körperlich, es war noch einmal nickelig, und natürlich war dabei Mario Mandzukic die Hauptfigur. Listig schlich sich der Stürmer von Juventus Turin von hinten an Thomas Müller heran, er zupfte kurz an dessen Oberteil, das reichte schon, um ihn völlig aus dem Konzept zu bringen. Empört schaute sich Müller um. Aber dann sah er, dass Mandzukic zum Ausgang des Stadio delle Alpi lief, dass er grinste, und dass er überhaupt bester Laune war. Also rückte Müller die Kapuze seines Trainingsanzugs zurecht, auch er grinste jetzt, auch er wollte jetzt bester Laune sein, also sagte er, laut hörbar bis zum Ausgang: "Guter Junge." Dann war Mandzukic weg, und mit ihm verschwand auch das Lächeln aus Müllers Gesicht.

Der letzte Zweikampf zwischen Mandzukic, dem ehemaligen Angreifer des FC Bayern, und Müller, weiterhin Angreifer des FC Bayern, war ein versöhnlicher Ausklang eines Abends, der intensiv war, emotional, leidenschaftlich. Es war der Ausklang eines Abends, an dem sie beim FC Bayern nicht so recht wussten, wie sehr ein Lächeln jetzt tatsächlich angebracht war.

2:2 (0:1) endete am Dienstagabend das Hinspiel des Champions-League-Achtel- finales zwischen Juventus Turin und dem FC Bayern, es war ein Spiel gewesen, das beide Extreme im gegenwärtigen Spiel der Gäste gezeigt hatte. Eine Stunde lang hatte das Team eine offensive Machtdemonstration abgeliefert, durch die Juventus, der Finalist der vergangenen Saison, auf einmal klein und verwundbar wirkte. Dann aber reichten wenige Winzigkeiten, um die Defensive des FC Bayern aus der Balance zu bringen, ein paar Minuten nur, aber sofort war Juventus da. 2:2 nach einer 2:0-Führung, war das also ein Ergebnis, das ein Lächeln erlaubte?

Müller spricht vom "mulmigen Gefühl", Rummenigge von einem "sehr guten Ergebnis"

"Es ist kein katastrophales Ergebnis, aber wir fahren schon mit einem mulmigen Gefühl nach Hause, weil wir schon gedacht haben, dass wir hier ein perfektes Ergebnis mitnehmen können. Deswegen überwiegt jetzt die Enttäuschung", sagte Torwart Manuel Neuer. "Wenn du 2:0 vorne bist, fühlt es sich nicht gut an, 2:2 zu spielen", sagte Müller. Allein Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sagte später auf dem Bankett euphorisch: "Wir sollten nicht den Fehler machen, jetzt mit dem Ergebnis zu hadern. Das ist ein sehr gutes Ergebnis."

Pep Guardiola sagte: "Wir Trainer haben der Welt heute eine Spielweise mit großer Identität und mit Charakter gezeigt." Aber da war er ein sehr höflicher Gast, gerade gegenüber Massimliano Allegri, dem Trainer von Juventus. Was da mitschwang in diesem Satz, das war vielmehr ein Eigenlob: Ich, Guardiola, Trainer des FC Bayern. Und das war nicht einmal allzu verkehrt.

Guardiola hat in seiner Zeit beim FC Bayern schon mehrmals die Taktik radikal umgestellt, das ging manchmal nicht so gut, zum Beispiel, als er sich 2014 in der Champions League von seinen Spielern eine Taktik einreden ließ. Manchmal ging das auch gut, zum Beispiel, als er im vergangenen Frühjahr auf zahlreiche verletzte Offensivspieler verzichten musste und dann im Auswärtsspiel in Dortmund einfach völlig auf Ballbesitz verzichtete; nach einem Konter gewann der FC Bayern 1:0. An diesem Dienstag in Turin waren die Vorzeichen nun etwas anders; weil im Grunde genommen die gesamte Innenverteidigung ausfiel, baute Guardiola eine Taktik, die auf die fehlenden Abwehrspieler reagierte, indem in ihr Abwehrspieler einfach gar nicht vorkamen.

Nominell hatte er zwar auch eine Abwehrreihe ins Spiel geschickt, aber die positionierte Guardiola so weit nach vorne, dass sie in einer Zone agierte, in der andere Teams ihre vorderen Mittelfeldspieler aufstellen. Selbst Arturo Vidal, der sich oft in der Manier eines Liberos zwischen die sogenannten Verteidiger David Alaba und Joshua Kimmich zurückfallen ließ, war als hinterster Feldspieler nur selten in der eigenen Spielfeldhälfte. Flink spielten sich die Gäste den Ball zu. Verloren sie ihn einmal, eroberten sie ihn meist schon in der gegnerischen Spielfeldhälfte zurück.

Der Körperlichkeit im Spiel der Turiner setzen Guardiolas Spieler mindestens genauso viel Körperlichkeit entgegen, und an diesem Abend war Vidal in seiner Pitbulligkeit tatsächlich der Anführer, als der er im Sommer für viel Geld aus Turin verpflichtet worden war. So unerbittlich hoch war das Tempo im Spiel des FC Bayern, dass Juventus nur noch der Rückzug an den einen Ort blieb, an dem sich die Mannschaft immer sicher fühlt: an den eigenen Strafraum. Selbst Mandzukic wuchtete seinen Körper gelegentlich nahe der eigenen Eckfahne in einen FC-Bayern-Spieler. Dass die Gäste nach einer Stunde durch Tore von Müller (43.) und Arjen Robben (55.) 2:0 führten, war für Juventus fast schon schmeichelhaft.

Dann aber zeigte sich, wie wackelig diese Struktur des FC Bayern sein kann. Dann nämlich, wenn die Mannschaft auf einmal doch eine Abwehr braucht.

Einmal versprang Kimmich der Ball, und schon kippte das Geschehen auf die andere Spielfeldseite. Nun merkten die Turiner, wie unwohl sich dieser Gegner ohne echten Innenverteidiger fühlt, wenn er an den eigenen Strafraum zurückgedrängt wird. Also drängten die Turiner, nie allerdings mit Passkaskaden, sondern immer mit Wucht, mit Kraft, mit Leidenschaft. Allen voran wuchtete und wütete Mandzukic. "Sie haben dann mehr mit langen Bällen agiert, was immer ein bisschen Unruhe bringt, vor allem, wenn man auswärts spielt", erklärte Lahm, warum der Gastgeber noch durch Tore von Paulo Dybala (63.) und Stefano Sturaro (76.) ausgleichen konnte. "Juventus mag die Verteidigung im kleinen Raum und den Angriff im großen Raum", sagte Guardiola, bei ihm sei es genau umgekehrt. Und er will der Welt im Rückspiel in drei Wochen zeigen, dass seine Vorliebe seine Mannschaft ins Viertelfinale führen wird.

"Leicht positiv" sei das Ergebnis für das Rückspiel, sagte Müller schließlich noch. Bevor dann auch er durch den Ausgang verschwand, entschied er sich noch für ein grimmiges Grinsen.