Abwerben im Juniorenfußball Verkaufte Kinderträume

Besonders begehrt: Nachwuchsspieler, die das deutsche Nationaltrikot tragen (hier das deutsche U-17-Nationalteam bei der Europameisterschaft in Bulgarien)

(Foto: imago/Aleksandar Djorovic)
  • In den Halbfinals um die deutsche A-Juniorenmeisterschaften steht in Leipzig und Hoffenheim zwei finanzstarke Emporkömmlinge.
  • Traditionsklub begegnen dem Masterplan der Neureichen mit Sorge, weil sie junge Speler aggressiv abwerben würden.
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Von Philipp Selldorf, Köln

Wenn die Mannschaft eines Erstliga-Aufsteigers auf Anhieb Meister wird, dann steckt im Allgemeinen Otto Rehhagel dahinter. Aber Otto Rehhagel ist in der supermodernen Fußball-Welt von RB Leipzig beim besten Willen nicht vorstellbar. Außerdem ist er nicht in Württemberg zur Welt gekommen. RB Leipzig ist zwar in Sachsen zu Hause und lebt vom Geld des Großinvestors aus Österreich, doch das Sagen im Unternehmen haben die Experten aus Schwaben, und eben diese Kombination aus schwäbischem Perfektionismus und scheinbar unbegrenzten Finanzmitteln ist es, die bei der Konkurrenz als besonders bedrohlich wahrgenommen wird.

Die am Mittwoch und Donnerstag anstehenden Halbfinal-Hinspiele der A-Junioren-Meisterschaft versteht die Branche daher als eine Art Fanal. An dem einen Tag stehen sich der Karlsruher SC und Schalke 04 gegenüber, am anderen die TSG Hoffenheim und der Aufsteiger-Meister der Staffel Nord/Nordost - RB Leipzig also. Da zwei Alteingesessene, dort zwei Emporkömmlinge.

"Ich hoffe", sagt Schalkes langjähriger Nachwuchschef Oliver Ruhnert, "dass der Sieger unseres Halbfinales am Ende auch den Titel holt, damit es einer der Traditionsklubs schafft." Und ausdrücklich bedauert es Ruhnert, dass nicht ein dritter Traditionsklub das Halbfinale erreicht hat: "Ich hätte es Hannover 96 gegönnt, Leipzig noch zu überholen. RB ist nicht mein Fall. Mir gefällt dieses Modell nicht, das vor allem auf Finanzqualitäten beruht. Gott sei Dank gibt es Eltern, die sich bewusst gegen die Leipziger Methode entscheiden."

Ruhnert gibt sich keine Mühe, seine Antipathien gegen das Projekt des Brausekonzerns zu verbergen. "In Leipzig werden Unsummen aufgerufen, wenn es darum geht, Jugendspieler anzuwerben. Das muss man ganz klar sagen, und das tue ich auch", teilt er mit. Der 42-Jährige, seit 2007 in Gelsenkirchen für den Nachwuchs zuständig, regt sich nicht nur über den erhöhten Preisdruck auf, den die neureichen Sachsen im Jugendfußball erzeugen, sondern auch über die nach seiner Auffassung schrankenlose Rekrutierungspraxis: "Wer auch nur einmal ein deutsches Nationaltrikot getragen hat, der wird von Leipzig angesprochen, da können Sie sicher sein."

Mit dieser Klage steht Ruhnert nicht allein. Armin Kraaz, Leiter des Leistungszentrums von Eintracht Frankfurt, sieht es ähnlich: "Sie versuchen, alles zu bekommen, was der deutsche Markt hergibt. Ich kenne keinen Verein, der so flächendeckend und aggressiv agiert wie Leipzig. Das ist eine ganz andere Dimension."