Julian Weigl "Ich bin wieder da!"

Kampf um den Ball: Julian Weigl, 22 (links), in einem früheren Revierderby gegen den Schalker Max Meyer.

(Foto: imago)

Der Dortmunder galt als Top-Talent und fuhr zur EM 2016. Seine dritte Saison beim BVB ist die bisher schwierigste - vor dem Revierderby gegen Schalke hofft auch er auf eine emotionale Wende.

Interview von Philipp Selldorf und Christof Kneer

Beim legendären Hinspiel stand Julian Weigl bis zum Schluss auf dem Platz, ein Vergnügen war das nicht für ihn. Der 22-Jährige trug zwar dazu bei, dass Borussia Dortmund gegen Schalke 04 zur Pause 4:0 in Führung lag, aber er hatte auch seinen Anteil daran, dass der BVB den Vorsprung einbüßte und den Abpfiff (4:4) als "Erlösung" erlebte, wie Torwart Roman Weidenfeller jetzt erzählte: "Eine Minute länger, und wir hätten vielleicht den nächsten Treffer kassiert."

Wenn am Sonntag das 92. Revierderby der Ligageschichte angestoßen wird, geht es für den BVB also nicht nur um drei Punkte und einen Champions-League-Platz, sondern auch um Stolz und Ehrenrettung.

Während Schalkes Trainer Domenico Tedesco durch den Ausfall des Stammverteidigers Matija Nastasic (Kreuzband-Anriss) eine Lücke in der Deckung schließen muss, hat Kollege Peter Stöger beim BVB die Qual der Wahl. Besonders für die Positionen im defensiven Mittelfeld stehen die Bewerber Schlange. Weil damit zu rechnen ist, dass sich die ewigen Widersacher des Revierfußballs zunächst mit eher gebremster Risikobereitschaft begegnen, stehen die Chancen für den Defensiv-Strategen Weigl nicht schlecht, im Wettstreit mit Mo Dahoud, Nuri Sahin und Gonzalo Castro den Vorzug zu erhalten. Der Nationalspieler bekäme dann Gelegenheit, seiner dritten, bisher schwierigsten Saison beim BVB eine positive Note hinzuzufügen.

Ein Gespräch über die Schwierigkeit, im Land des Talente-Booms ein Talent zu sein.

SZ: Herr Weigl, haben Sie diese Woche im Training schon ein Tor geschossen?

Julian Weigl: Oh, nette Frage zum Einstieg ... Sagen wir so: Es kommt inzwischen häufiger vor als früher, dass ich mal treffe. Nach den regulären Einheiten machen wir manchmal Schusstraining, da bemühe ich mich schon. Aber ein Knipser wird nicht mehr aus mir, das weiß ich.

Stimmt die Geschichte, dass Thomas Tuchel damals ...

... ich weiß, was jetzt kommt, ja, die Geschichte stimmt. Als ich im Training mal ein Tor geschossen habe, haben alle applaudiert, und Thomas Tuchel hat mir später einen USB-Stick mitgegeben. Ich hab dieses Tor jetzt für immer auf Video.

Diese Saison haben Sie immerhin mal in einem Punktspiel getroffen: Beim 6:1 gegen Gladbach gelang Ihnen das 6:1.

Für mich war das ein wahnsinnig emotionaler Moment. Es war im Herbst, direkt nach meiner langen Verletzungspause (Bruch des Sprunggelenkes; Anm. d. Red.), da ist schon einiges von mir abgefallen. Und dann noch vor unserer Südtribüne, das war Gänsehaut pur.

Am Sonntag steigt das Revierderby auf Schalke. Was würde Ihnen ein Einsatz bedeuten, nach den schwierigen Monaten?

Es wäre ein weiterer Schritt. Man muss sich kleine Erfolgserlebnisse holen, auf denen man aufbauen kann und die einem dann die nächsten Chancen geben, sich anzubieten. Beim Derby können wir als Mannschaft viel gewinnen.

In der aktuellen Situation wirkt das Derby noch wichtiger als sonst: als Chance, die Saison emotional zu drehen.

Die Motivation ist ja immer hoch. Dann noch Derby, die Erinnerungen an das 4:4 im Hinspiel. Wir wissen genau, was diese Begegnung unseren Fans bedeutet. Und mit einem Sieg wären wir wieder vor Schalke. Das muss unser Ziel sein.

Auch Ihre persönliche Saison ist bisher nicht so verlaufen, wie man das erwartet hatte. Vor zwei Jahren galten Sie als eines der größten europäischen Talente im defensiven Mittelfeld, Jogi Löw hat Sie zur EM 2016 mitgenommen, internationale Topklubs standen angeblich Schlange. Jetzt sind Sie plötzlich vom Radar verschwunden. Wie schwer ist es, sich nach einer Verletzungspause und anschließendem Tief wieder ins Bewusstsein der Leute zu spielen, wenn man ein strategischer, eher unauffälliger Spieler ist wie Sie?

Es ist sicher schwieriger, die Leute wieder von sich zu überzeugen, wenn man keine Tore schießt oder knackige Grätschen setzt. Aber das war nie mein Spiel, und ich werde jetzt auch nichts künstlich inszenieren. Ein Spieler wie ich muss seine Automatismen und sein Gefühl fürs Spiel wiederfinden. Und selbst dann wird man nicht gleich gefeiert, nur weil man wieder ein paar saubere Pässe anbringt.

Wie ist es, plötzlich um Anerkennung kämpfen zu müssen?

Kompliziert. Als ich in Dortmund ankam, hatte ich ja nichts zu verlieren. Thomas Tuchel hat mich gleich spielen lassen, ich war auf der Welle und habe jedes Spiel genossen. Aber man merkt dann, wie schnell Erwartungen wachsen, das ist für einen jungen Kerl nicht einfach. Ich bin ein ballsicherer Spieler und bilde mir ein, in vielen Situationen eine Lösung zu haben. Aber in solchen Phasen beginnt man mit jedem Pass zu hadern, der nicht ankommt.

Sie sind nach ihrer ersten Erstliga-Saison gleich mit zur EM gefahren - was die Fallhöhe sicher vergrößert hat. Die Leute haben gedacht: Das wird jetzt unser neuer Sechser in der Nationalmannschaft.

Wobei die EM trotzdem ein Höhepunkt war. Ich durfte bei Bastian Schweinsteigers letztem Turnier dabei sein, allein das war's wert. Basti war immer ein Vorbild für mich. Aber klar: Was in der Öffentlichkeit aus so einer Turnierteilnahme abgeleitet wird, ist schon krass. Vor allem angesichts der Konkurrenz auf meiner Position.

Wie haben Sie das wahrgenommen?

Das Schwierigste ist dann, sich selber einzugestehen, dass es nicht immer so weitergehen kann. Wenn man jung und neu dabei ist, liest man am Anfang ja noch alles, jede Einschätzung, jede Bewertung. Da muss man schon aufpassen, dass man sich nicht kaputtmachen lässt, wenn es plötzlich in die andere Richtung geht.

Die klassischen Noten: "Weigl setzte zu wenig Impulse nach vorne, Note 4,5".

So was, ja. Am Anfang habe ich mich fürchterlich über Bewertungen geärgert, das kann einen schon runterziehen. Zumal die Öffentlichkeit ja vieles nicht mitbekommt.

Zum Beispiel?

Dass mich viele gegnerische Trainer haben manndecken lassen. Mich, den defensiven Mittelfeldspieler. Die haben mir extra einen Schatten aufs Feld gestellt, um unseren Spielaufbau zu stören.

Eine Ehre eigentlich, wenn man Sie für dem wahren BVB-Spielmacher hält.

Ja, aber eine lästige Ehre (lacht). Das war am Anfang schon schwierig für mich. Man hat plötzlich weniger Ballkontakte und damit weniger Sicherheit, und man kann dann leicht in einen Teufelskreis geraten: Man findet nicht mehr so richtig zu seinem Spiel, die Selbstverständlichkeit ist weg, man ärgert sich und will's erzwingen. Und wenn man sich später noch mal ein paar Szenen anschaut, sieht man, dass man seine Fähigkeiten nicht komplett auf den Platz gebracht hat. Und dann ärgert man sich doppelt.

Wie schwer ist es, im Talentboom-Land Deutschland ein Talent zu sein?

Eine Entwicklung ist schon auffällig: Man wird am Anfang sofort als das nächste große Talent gefeiert, beim ersten Gegenwind aber dann gleich hart kritisiert. In meinem Fall war es zum Beispiel so, dass es nach zwei, drei Zweitligaspielen für 1860 schon hieß: Hier kommt der neue Bender!

Immerhin ein netter Vergleich.

Schon, aber für junge Spieler wird es heute immer schwerer, eine klare Selbsteinschätzung zu behalten. Du wirst sehr schnell hochgejubelt und sehr schnell verglichen. Die Gefahr ist, dass viele Talente sich dann besser sehen, als sie schon sind. Ich kenne welche, die sind daran zerbrochen - weil man umso schneller in die Kritik kommt oder gar in Vergessenheit gerät, wenn die nächsten 18-Jährigen nachdrängen.

Wie haben Sie damals reagiert, als der BVB Sie haben wollte? Sie waren damals ein kaum bekanntes Zweitligatalent.

Ich war keiner von denen, die gedacht haben: Klar, das habe ich locker drauf. Ich wusste zwar, was ich kann, trotzdem habe ich erst mal gestutzt und gedacht: Ob ich das wohl schaffe bei so einem Topklub, ob das nicht zu früh kommt?

Was hat den Ausschlag gegeben?

Ich hatte schnell das Gefühl, dass sich die Verantwortlichen und der damalige Trainer Thomas Tuchel intensiv mit mir auseinandergesetzt haben. Ich wusste bald: Das ist ein Abenteuer, aber die haben da Lust auf mich. Das will ich machen.

Wie lange dauert das, bis man als gut ausgebildetes deutsches Toptalent bei einem deutschen Topklub mithalten kann?

Bei mir ging's erstaunlich schnell. Das höhere Niveau war gut für mich, du hast plötzlich lauter kreative Jungs um dich herum, die dir gleich in den richtigen Fuß spielen und schnell ermöglichen, besser zu werden. Ich weiß aber noch, wie kaputt ich anfangs vom Tempo und dieser Athletik war. An den ersten Trainingstagen hab ich um halb neun gemerkt, wie mir die Augen zufallen und schnell den Wecker gestellt, damit ich am nächsten Morgen nicht verschlafe. Ich war total überwältigt von allem.

Haben Sie gleich gemerkt, dass Tuchel Sie besonders fördert?

Ich habe schon gemerkt, dass er in mir was sieht.

Wie merkt man das?

Na ja, es ist ja bekannt, dass Thomas Tuchel besonders perfektionistisch ist, und speziell von mir wollte er immer das Beste sehen. Er konnte dann auch laut und deutlich werden, wenn im Training mal ein Pass verrutscht ist. Als Spieler denkt man dann: Mensch, Trainer, das war doch nur ein Pass! Aber es war vielleicht genau der Pass, den er für wichtig hält, und hinterher merkt man schon, wie wichtig diese Akribie für die eigene Entwicklung ist.

Es heißt ja immer: Oh, dieser Tuchel, der ist aber schwierig - wie ist Ihr Eindruck?

Also, er ist schon sehr anspruchsvoll, aber ich bin mit ihm immer sehr gut ausgekommen. Und ich habe viel gelernt.

Wie schwer war es für Sie, als Ihr Förderer Tuchel plötzlich weg war?

Zu Beginn dieser Saison war es kompliziert, ich war verletzt, und unter Peter Bosz gab's völlig neue Aufgabenstellungen. Am Anfang lief ja alles gut, aber als es auf einmal bergab ging, kam ich nach langer Verletzung in eine Mannschaft, die mit sich zu kämpfen hatte. Und meine Situation war auch nicht einfach: Wenn du so schwer am Sprunggelenk verletzt warst, musst du erst wieder alle Bewegungen automatisieren. Das kommt einem vor, als müsste man neu laufen lernen.

Bosz wollte auch, dass Sie anders spielen.

Ja, er sieht seinen Sechser weiter vorn zwischen den Ketten, während ich den Ball lieber auch mal hinten abhole, um das Spiel von da zu stabilisieren und aufzubauen.

Peter Stöger lässt Sie jetzt wieder weiter hinten spielen.

Er lässt einem relativ viele Freiheiten bei der Interpretation der Rolle. Mir kommt das entgegen.

In dieser Rolle waren Sie mal ein Schlüsselspieler beim BVB. Haben Sie das Gefühl, Sie müssen sich Ihren Stellenwert in der Mannschaft völlig neu erarbeiten?

Würde ich sagen, ja. Ich weiß zwar, dass die Leute im Verein viel von mir halten, aber ich weiß auch, dass ich im Moment nicht unverzichtbar bin. Es gibt zwar wieder Momente, in denen ich merke, dass der alte Flow zurück ist, dass die Zeit im Spiel schnell vergeht, weil alles selbstverständlich ist. Es sind aber noch zu viele Schwankungen da. Mein Ziel ist, den Leuten zu zeigen: Ich bin wieder da!

Wie sehr leidet man als Spieler unter Turbulenzen in einem Verein? Es gab den Anschlag auf den Mannschaftsbus im April 2017, Querelen zwischen der Klubspitze und Tuchel - und zwei neue Trainer.

Man versucht, sich dann zwar auf den Fußball zu konzentrieren, aber man merkt bei so was Extremem wie einem Anschlag eben auch, dass es viel wichtigere Dinge als Fußball gibt.

Beschäftigt Sie der Anschlag noch?

Nicht mehr so sehr. Ich wohne nicht weit entfernt von dem Ort, an dem das passiert ist, und anfangs hatte ich noch manchmal Probleme, da vorbeizufahren. Inzwischen ist das aber fast vergessen. Trotzdem war das für die Mannschaft emotional ein extrem schwieriges Jahr.

Bringt das einen jungen Spieler noch mehr aus der Spur als einen erfahrenen?

Ich war ja mal bei 1860 (lacht) ... da bin ich schon durch ein kleines Stahlbad gegangen. Als 18-Jähriger war ich ja vorübergehend Kapitän und musste vor den Kameras stellvertretend für die gesamte Mannschaft was über die 1860-Krise sagen. Das härtet schon ab.

Wie nah kommt denn aktuell der Alltag an Sie heran? Die Leute in Dortmund wirken trotz Tabellenplatz drei und der insgesamt sehr ordentlichen Serie unter Peter Stöger nicht wirklich zufrieden.

Man merkt, dass die Leute in den vergangenen Jahren eben sehr verwöhnt wurden. Ein 1:0 wird heute nicht mehr so bejubelt wie früher, die Menschen wollen entertaint werden, das ist ja auch ihr gutes Recht. Dortmund ist halt eine tolle und leidenschaftliche Fußballstadt.